Gesellschaft

Überwachungskapitalismus to go

Überwachungskapitalismus to go

Was das Aus von Amazon Go bedeutet

 VON THOMAS TRARES

Die Meldung ist eine kleine Sensation. Ende Januar gab der US-Online-Händler Amazon bekannt, seine stationären Amazon-Go-Läden wieder dichtzumachen, also jene Mini-Supermärkte, die komplett ohne Kassen auskommen. Kunden konnten dort die Produkte einfach aus dem Regal nehmen und den Laden wieder verlassen. Personal wurde nur noch für einfache Serviceleistungen wie das Einräumen der Regale gebraucht. Diese »Just Walk Out«-Läden, wie Amazon das Konzept nennt, sind deutlich kleiner als übliche Supermärkte. Zuletzt gab es in Nordamerika noch 14 davon.[1]

Das Aus dieser Amazon-Go-Läden ist bemerkenswert. Denn bei ihrer Einführung im Jahr 2018 galten sie noch als Vorbote einer dystopischen Konsumwelt, in der sich die Kunden mithilfe modernster Überwachungstechnik lückenlos tracken und analysieren lassen. Dazu mussten sie sich nur die Amazon-App auf ihr Smartphone laden und beim Betreten des Ladens den entsprechenden Code scannen, dann erfassten Gewichtssensoren und Kameras den Einkauf, abgerechnet wurde wieder über die App. Der Vorteil schien klar: Der Händler spart sich das Kassenpersonal, der Kunde das Schlangestehen.

Ähnlichkeit mit chinesischem Sozialpunktesystem

Der Wirtschaftsjournalist und Bargeld-Aktivist Norbert Häring hatte seinen 2018 erschienenen Bestseller Schönes neues Geld sogar mit einem Bericht über die Eröffnung des ersten Amazon-Go-Ladens in Seattle aufgemacht. Er schrieb: »Die Zukunft des Bezahlens ist 2018 in der Gegenwart angekommen. In Seattle, an der Westküste der USA, eröffnete das erste Amazon-Go-Ladengeschäft für die Allgemeinheit.«[2] Häring ging dann sogar so weit, die sich neu auftuende Amazon-Bezahlwelt mit dem chinesischen Sozialpunktesystem zu vergleichen. »Grundlage beider Systeme ist die zuverlässige automatische Identifizierung der Handelnden und die lückenlose automatische Überwachung ihres Handelns. In den chinesischen Städten erfassen Kameras mit Gesichtserkennungssoftware die Passanten auf Schritt und Tritt, genauso wie im Amazon-Go-Laden.«[3]

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