Panoptikum 2.0: Disziplin, Transformation, Omniwar
Das Konzept des Omniwar zielt auf eine Welt, in der jeder gesellschaftliche und private Raum potenziell zum Schlachtfeld der Kontrolle und Information wird.
Die Digitalisierung macht aus dem von Michel Foucault beschriebenen realen Panoptikum zur Überwachung und Kontrolle ein unsichtbares, das auf Selbstüberwachung und Selbstkontrolle beruht.
VON WOLFGANG EFFENBERGER
Der französische Philosoph Michel Foucault beschreibt in Überwachen und Strafen (Original: Surveiller et punir, 1975) präzise den historischen Wandel der Machttechniken im 18. und 19. Jahrhundert.[1] Als Ausgangspunkt wählt Foucault das von dem Engländer Jeremy Bentham entworfene klassische Panoptikum als Modell moderner Macht: ein runder Bau mit zentralem Turm, aus dem Wächter alle Zellen einsehen können, ohne gesehen zu werden. Die Ungewissheit – »Werde ich jetzt beobachtet?« – erzeugt Selbstkontrolle. Gefangene werden zu ihren eigenen Wärtern. Diese Asymmetrie macht Macht produktiv: Sie formt gehorsame Subjekte, ohne ständigen Einsatz von Gewalt. Foucault sieht darin den Beginn der »Disziplinargesellschaft«: Überwachung breitet sich aus, von Kasernen zu Schulen, wo Schüler in Reih und Glied sitzen, ständig sichtbar. Macht funktioniert nicht mehr primär durch Gewalt, sondern durch Sichtbarkeit, Normierung und Selbstkontrolle.
Foucaults historische Analyse der Entwicklung von Machtstrukturen orientiert sich an den Methoden der Archäologie und Genealogie, übertragen auf die Gesellschaft und inspiriert von Nietzsches Zeitkritik und seinem Lehrer Georges Canguilhem, der eine an der Perspektive des Lebens orientierte Philosophie vertrat.
Ebenso wie die Frankfurter Schule kritisiert Foucault die Schattenseiten der instrumentellen Vernunft im Gefolge der Aufklärung; in seiner ersten großen Veröffentlichung, Wahnsinn und Gesellschaft (deutsche Ausgabe 1973), gibt es durchaus Parallelen zur Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno.[2] Später distanzierte sich Foucault jedoch im Zuge seiner Abkehr von marxistisch-totalitären Gegenmodellen von der Theorie der Frankfurter Schule.[3]
Im 21. Jahrhundert verschiebt sich das Panoptikum 1.0 in die digitale Disziplinierungsgesellschaft. Social Media erzeugen permanente Sichtbarkeit durch Tracking, KI, Big Data. Während das Verhalten analysiert wird, internalisieren die Individuen Anpassung und Leistungsdruck. Die Überwachung wird freiwillig (Likes, Posts, Self-Tracking): Das moderne Panoptikum 2.0 ist dezentral, unsichtbar und algorithmisch. Man könnte hier auch an Konzepte wie »Überwachungskapitalismus« (Shoshana Zuboff) denken.
Vom Turm zur Cloud
Im Panoptikum 1.0 lauerte die Macht zentral und sichtbar im Turm, wo Insassen sich disziplinierten aus Angst vor dem unsichtbaren Blick. Heute ist Überwachung dezentral, algorithmisch und allgegenwärtig: Smartphones, Drohnen und IoT-Geräte[4] machen jeden zum potenziellen Wächter – und Gefangenen. Weitgehend unbemerkt konnte sich Panoptikum 2.0 als Arena von Disziplin entwickeln: von Transformation über Transhumanismus in die Kognitive Kriegsführung, um im vom US-Befehlsbereich »Transformation and Training Command« angestrebten Omniwar-Zustand aufzugehen – einem totalen, hybriden Konflikt, in dem Daten zu Waffen werden und Autonomie schmilzt. Ein allgegenwärtiger Krieg gegen Autonomie via Technik, Pandemien und PsyOps (Psychologische Operationen): Überwachung als Waffe.
Der Begriff Omniwar beschreibt eine neue Form von Krieg, der nicht mehr nur militärisch, sondern gleichzeitig digital, ökonomisch, psychologisch, medial, kulturell und kognitiv geführt wird. Hier überschneidet sich das Panoptikum mit Cyberwar, Desinformation, Plattformmanipulation und KI-gestützter Meinungssteuerung. Das neue Schlachtfeld ist die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit und die Identität.
Die Synthese von Panoptikum 2.0 und Omniwar führt zur absoluten Überwachung durch datenbasierte Kontrolle mittels Algorithmischer Modulation. Der Mensch diszipliniert sich schließlich selbst. So führt Omniwar zur strategischen Manipulation ganzer Gesellschaften und schafft ein System, in dem Individuen gleichzeitig Beobachtete, Datenlieferanten, Zielscheiben und Mitproduzenten von Kontrolle sind.
Im Unterschied zu 1.0 wird aktuell dezentral, unsichtbar und biopolitisch operiert: Algorithmen, Social Media, IoT, Corona-Apps. Die Macht als permanenter Datenfluss und im Dienst der Selbstoptimierung.
Das Konzept des Omniwar zielt auf eine Welt, in der jeder gesellschaftliche und private Raum potenziell zum Schlachtfeld der Kontrolle und Information wird. Die Digitalisierung macht aus dem von Michel […]