Globales

»Jagdsaison«: Vier Jahre Ukraine-Krieg und die Ära der globalen Perestrojka

Als die russischen Streitkräfte vor vier Jahren in die Ukraine aufbrachen, kam dies für die meisten Kommentatoren völlig überraschend. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass Moskau tatsächlich zu einem derart drastischen Vorstoß greifen würde.

VON FJODOR LUKJANOW


Die rhetorische Einbettung vom »Ende der Geschichte« hatte die Welt an den Gedanken gewöhnt, dass die Lösung politischer Aufgaben durch militärische Gewalt unzulässig sei. Wenn es dennoch dazu kam, wurde es nicht »Krieg« genannt, sondern als »Friedenssicherung«, »humanitäre Intervention« oder »Schutz der Menschenrechte« deklariert (Zutreffendes bitte unterstreichen). Mit anderen Worten: Militärische Eingriffe galten nur dann als rechtmäßig, wenn sie der Festigung der bestehenden liberalen Weltordnung dienten – und waren somit faktisch Washington als deren Architekten vorbehalten.

Das russische Vorgehen markierte den Kulminationspunkt von Widersprüchen, die aus dem Ende des Kalten Krieges resultierten: Moskaus jahrelange Unzufriedenheit über die NATO-Osterweiterung und die Ignoranz gegenüber russischen Sicherheitsinteressen. Russland stellte sich offen gegen die bestehende Ordnung und forderte – wie das Memorandum des Außenministeriums vom Dezember 2021 belegt – eine Revision jener Prinzipien, die de facto die Basis der europäischen Sicherheit nach 1990 bildeten. Dies gestand zugleich das Scheitern der eigenen Politik über einen langen Zeitraum ein; auf nicht-militärischem Weg war es nicht gelungen, den westlichen Gegenübern Respekt vor russischen Interessen abzutrotzen.

Unter die bisherige Art der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen wurde damit endgültig ein Schlussstrich gezogen. Für den Aufbau neuer Verhältnisse bedurfte es einer fundamentalen Revision der Weltordnung – so wie einst das Verhältnis zwischen Ost und West die gesamte internationale Architektur des vorangegangenen Zeitalters definiert hatte. Die Ukraine geriet durch ein Zusammenspiel verschiedenster Faktoren exakt in das Schnittfeld dieser globalen Kraftlinien.

Obwohl die Operation länger dauert, als vor vier Jahren vermutet, sind die von Moskau gesetzten konkreten Ziele noch nicht erreicht. Doch die Welt hat sich bereits grundlegend verändert. Die russische Kampagne ist dabei nicht die Ursache des Wandels, wohl aber sein Katalysator, der längst begonnene Prozesse sichtbar gemacht hat. Die neue internationale Lage stellt Russland vor weitaus massivere Aufgaben, als sie allein durch den militärischen Konflikt gelöst werden könnten. Deren Bewältigung wird der Schwerpunkt der russischen Politik nach Ende der Kampfhandlungen sein.

Nimm, was du kannst: Die Jagd beginnt

Russlands schroffe Aktion gegen den weltweiten Hegemon signalisierte vielen Akteuren – trotz dessen massiver Drohgebärden –, dass die westliche Macht an ihre Grenzen stößt. Die Mehrheit der Staaten (alle, die nicht durch direkte Verpflichtungen an Washington gebunden sind) entzog sich den Strafmaßnahmen gegen Moskau und machte deutlich, dass sie sich allein von Eigeninteressen leiten lassen. Für die Administration von Joseph Biden war dies eine unangenehme Überraschung. Sie versuchte, mit dem alten Schema des Kalten Krieges zu kontern: »freie Welt« unter Führung der USA gegen »tyrannische Barbarei«.

Doch dieser Versuch einer ideologischen Treibjagd scheiterte bereits an den Kriterien. Viele für Washington strategisch wichtige Länder passten nicht ins Bild der »freien Welt« und wollten nicht einmal Begeisterung heucheln. Der Eindruck einer Krise der globalen Führungsmacht verfestigte sich angesichts der Unfähigkeit der westlichen Koalition, Russland zum Abbruch der Operation zu zwingen. Zudem demonstrierte Moskau in den Jahren 2023 und 2024, dass die Entwicklung alternativer Gemeinschaften, allen voran der BRICS-Staaten, unaufhaltsam voranschreitet.

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