»Öffentlich ungeklärt«
Die Bundesregierung macht Russland für den Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen verantwortlich. Dabei sind die Indizien nicht zwingend. Dafür herrschen Suggestivfragen von Journalisten, übliche Verdächtige und ein politischer Wille zur Skandalisierung vor.
VON REINHARD LAUTERBACH
Der »Urknall« des Skandals um den Drohnenvorfall auf dem Leipziger Flughafen am Abend des 4. August fand um 19.19 Uhr statt. Da sah ein Bediensteter des Flughafentowers in einiger Entfernung eine Rauchsäule. Ein Zeuge gab an, etwas wie einen Schuss gehört zu haben, zwei Tage später fand die Polizei am Ort des mutmaßlichen Feuers im Kursdorfer Wäldchen – eher ein Gebüschstreifen zwischen den beiden Start- und Landebahnen in der Nähe des Flughafenzauns und des Towers – Spuren einer Explosion. »Was dort explodierte, ist bis heute nicht öffentlich geklärt«, fasste in einer drei Wochen später gesendeten Reportage die ZDF-Sendung Frontal zusammen.[1] Wobei die Einschränkung »öffentlich« wichtig ist. Denn rund um den Fall gibt es viel Geheimnistuerei und etliche Widersprüche der Darstellung im Detail. Etwa zehn Minuten später, um 19.27 Uhr, drang offenbar eine Drohne unbekannter Herkunft in den Luftraum über dem Flughafen ein und touchierte die Tragfläche eines dort geparkten ukrainischen Frachtfliegers. Dabei stürzte die Drohne ab, der an ihr – angeblich – befestigte Sprengsatz fiel zu Boden und wurde unversehrt gefunden. So die Darstellung der Polizei. Was das alles mit dem »Urknall« im Kursdorfer Wäldchen zu tun haben soll, wird nicht erläutert; der Anflug kam aus anderer Richtung.
Schon hier beginnen die Widersprüche. Der verwendete Sprengstoff soll Semtex gewesen sein, ein ursprünglich in der Tschechoslowakei erfundener und heute weit verbreiteter Plastiksprengstoff. Er ist aber – zumindest laut dem entsprechenden Artikel in der polnischen Wikipedia[2] – stoßempfindlich. Wie die Ladung dann einen unterstellten Fall aus mehreren Metern Höhe auf eine Betonoberfläche unversehrt überstanden haben soll, bleibt »öffentlich ungeklärt«.
Gefunden wurde die abgestürzte Drohne dann gegen 23.40 Uhr von einem Busfahrer. Er soll sie mit dem Fuß fixiert haben wie St. Georg den Hals des Drachen, bis die Polizei kam. Was aber machte ein Flughafenbus tief in der Nacht an einer Stelle des Flughafengeländes, die vom Passagierterminal weit entfernt und durch die südliche Start- und Landebahn getrennt ist? Eine Anfang September veröffentlichte Recherche der Süddeutschen Zeitung[3] spricht davon, dass der Mann eine Gruppe von Ausflüglern über das nächtliche Gelände transportierte. Aus späteren Darstellungen sind diese Ausflügler verschwunden. Warum? Weil sie eine Gruppe unabhängiger und potenziell herauszufindender Zeugen darstellen – zumal man sich für die Teilnahme an den touristischen Rundfahrten über das Gelände nach Angaben des Flughafens ausweisen muss?[4] Weil die Schilderung des Busfahrers als wachsamer Drohnenbändiger die Frage nach sich ziehen müsste, was sich der Mann bei seiner Heldentat eigentlich über die Sicherheit seiner Fahrgäste gedacht hat? Im Übrigen ist aus der fraglichen Zeit kein ziviler Flugverkehr überliefert, den der Busfahrer hätte bedienen können. Der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz, den das ZDF mit dem Ziel der politischen Skandalisierung des Vorfalls als »brutale Eskalation« einblendet, behauptete in dem Statement auch nicht, dass ein ziviles Flugzeug gefährdet worden sei – was im Übrigen durch die große Entfernung vom Passagierterminal sowieso unwahrscheinlich gewesen wäre – , sondern sprach nur im Modus des »Stellen Sie sich mal vor …«, dass dies hätte passieren können.[5]