Wirtschaft

Mythen der digitalen Wirtschaft und die Herrschaft von Big Tech

Ein Auszug aus dem Buch Digitaler Kapitalismus von Zoltán Pogátsa.[1] Der Text wurde redaktionell bearbeitet. Aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

So wie die Ära nach der industriellen Revolution von den großen Stahl-, Eisenbahn- und Ölmonopolen beherrscht wurde, so wird der heutige digitale Kapitalismus von »Big Tech« dominiert – jenen globalen Internetkonzernen, die in ihren jeweiligen Bereichen zu den alles bestimmenden Akteuren aufgestiegen sind.

VON ZOLTÁN POGÁTSA


Zunächst gilt es festzuhalten, dass die übliche Definition des Kapitalismus, die sich primär auf Privateigentum und Märkte stützt, unzureichend ist. Entgegen der landläufigen Meinung können diese beiden Elemente den Kapitalismus nicht angemessen definieren. Der Kapitalismus entstand erst vor wenigen hundert Jahren – betrachtet man die gesamte Menschheitsgeschichte als einen einzigen Tag, entspricht dies lediglich einigen Minuten. Vor dem Kapitalismus existierten zahlreiche Gesellschaftsformen, die ebenfalls Privateigentum und Märkte kannten. Ein antiker Bauer hätte seine privat erzeugten Produkte ebenso auf einen Markt gebracht wie ein mittelalterlicher Bauer, auch ohne dass ein kapitalistisches System vorlag.

Eine präzise Definition benötigt eine differentia specifica – ein Merkmal, das den Begriff eindeutig von anderen abgrenzt. Die Begriffe Privateigentum und Wettbewerb leisten dies nicht.[2] Wie der französische Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel betont[3], ist das eigentliche Spezifikum der kapitalistischen Wirtschaft das Großunternehmen[4], dessen Ziel explizit die Begrenzung des Wettbewerbs ist. Dies war von Beginn an der Fall: Das historische Urbild heutiger multinationaler Konzerne, die British East India Company, besaß eine königliche Charta, die ihr einen Monopolstatus garantierte – aufrechterhalten durch das staatliche Gewaltmonopol.[5]

Heute würde man von einem »Gefangenenstaat« sprechen. Und wenn das Unternehmen in seiner Geschichte mehrfach in Konkurs ging, wurde es stets vom Staat gerettet – ein Phänomen, das uns auch heute vertraut ist. Die großen Investoren der Gegenwart, von Warren Buffett bis Peter Thiel, erklären offen, dass es sich nur lohnt, in Unternehmen zu investieren, die keine Konkurrenz haben. »Wettbewerb ist etwas für Verlierer«, argumentierte Thiel pointiert.

Dass der Unternehmenssektor bestrebt ist, immer wieder Monopole zu schaffen, bezeichnet David Ricardo[6] als »Rent-Seeking«. Der Unterschied zwischen Gewinn und Rente besteht darin, dass Gewinn durch produktiven Marktwettbewerb erzielt wird, während die Rente aus der Einschränkung dieses Wettbewerbs resultiert. Manchmal entstehen Renten auf natürliche Weise, etwa durch Grundbesitz oder die Zuweisung von Funkfrequenzen – Ressourcen, die nicht beliebig vermehrt werden können. Allzu oft jedoch werden Monopole und die daraus resultierenden Renten künstlich erzeugt, indem Konkurrenten unterdrückt oder staatliche Regulierungsbehörden vereinnahmt werden (»Regulatory Capture«).

In der Praxis ist die Trennung zwischen Gewinn und Rente oft schwierig. Globale Energiekonzerne oder großstädtische Immobiliengesellschaften etwa erwirtschaften keine klassischen Gewinne, sondern kassieren Renten. Der geografische Raum, den sie besetzen, trägt mehr zu ihrem Erfolg bei als innovative Fördertechniken oder die Architektur der Gebäude.

Vom digitalen Idealismus zur Macht der Plattform-Giganten

Auch die Entstehung des Internets war keineswegs marktgesteuert. Es wurde vom US-Staat gezielt geplant und erschaffen. Bis heute basieren seine Schlüsselelemente auf dieser Planung – etwa das System der Verwaltungsprotokolle, durch das wir surfen, Seiten finden oder Nachrichten versenden können.

Die darauffolgende frühe Phase des World Wide Web glich einer anarchistischen Utopie. Das Leitbild war ein dezentrales Netz ohne dominierende Koordinatoren, ohne zentrale Knotenpunkte und ohne hierarchische Instanzen – ein Raum, in dem alle Nutzer gleichberechtigte Akteure waren. In dieser Zeit investierten viele Technikbegeisterte unentgeltlich Zeit und Geld in den Aufbau des Netzes, allein aus Neugier auf die Möglichkeiten dieser Technologie. Das bekannteste Relikt dieser Ära ist Wikipedia, das bis heute durch kostenlose Gemeinschaftsarbeit gepflegt wird und auf Werbung oder Abonnements verzichtet. Das ideologische Manifest dieser Zeit war das Buch The World Is Flat des US-amerikanischen Journalisten Thomas L. Friedman.[7] Er argumentierte, das Internet schaffe durch den dezentralen Zugang gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle und überwinde geografische sowie soziale Grenzen. Erfolg hänge nicht mehr davon ab, in einem Wirtschaftszentrum geboren zu sein; ein Programmierer in einem indischen Dorf könne durch ein digitales Produkt weltweiten Reichtum erlangen. Aus heutiger Sicht, in der Google, Amazon und Facebook die digitale Welt beherrschen, wirkt dieser Optimismus fast naiv.

Ein weiteres optimistisches Narrativ war die »Sharing Economy«. Auf den ersten Blick wirkte sie antikapitalistisch, da Teilen vermeintlich Gewinne reduziert. In der Praxis entpuppte sie sich jedoch schnell als »Rent-Seeking Economy«. Hier werden Lizenzgebühren nicht von Werbetreibenden (wie bei Amazon) oder App-Entwicklern (wie bei Apple) erhoben, sondern direkt vom Prekariat. Es ist die ärmste arbeitende Klasse[8], die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, zehn bis zwölf Stunden täglich für Uber- oder Lyft-Tarife zu fahren – ohne soziale Absicherung oder Wochenendruhe. Dieses Modell wurde von zahlreichen Plattformen kopiert, egal ob für Reinigungsdienste, Essenslieferungen oder Gassigehen. Das war so nicht vorgesehen.

Theoretisch hätten Amateurfahrer, Taxifahrer oder Lieferanten eigene Plattform-Apps organisieren können. Doch bei Web-Anwendungen zählt vor allem die »kritische Masse«. Wer zuerst ein Monopol erlangt, ist kaum zu verdrängen, da Nutzer selten mehrere parallele Anwendungen für denselben Zweck nutzen (»Winner-takes-it-all«). Es ist weitaus einfacher, diese Masse mit der Finanzkraft einer globalen Risikokapital-Firma im Rücken zu erreichen. Gegen dieses Kapital haben einzelne Akteure wie Taxifahrer in New York, Warschau oder Peking keine Chance, eine gemeinsame globale App zu entwickeln.

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