Wirtschaft

Der digitale Euro – eine Standortbestimmung zum Jahresanfang 2026

Kaum ein wirtschaftspolitisches Vorhaben stößt in regierungskritischen Kreisen auf so viel Ablehnung und Widerstand wie der digitale Euro. Die Zuschreibungen klingen immer ähnlich. Mal dient er der »digitalen Totalüberwachung« (Norbert Häring), mal ist er ein »Instrument der Tyrannei« (Markus Krall), und mal bedeutet er nicht mehr und nicht weniger als eine »gigantische Machtzentralisierung« (Hakon von Holst). Selbst Mainstream-Ökonomen und nicht zuletzt auch Banken und Sparkassen sehen das Projekt kritisch. Dennoch scheint der Weg in die digitale Zentralbankwährung vorgezeichnet. Doch was genau hat es damit auf sich? VON THOMAS TRARES

Fakt ist, die Europäische Union (EU) will einen digitalen Euro einführen. Dazu hat die EU-Kommission bereits im Sommer 2023 einen Gesetzentwurf vorgestellt und die Europäische Zentralbank (EZB) mit der Umsetzung des Projekts betraut. Ende Oktober 2025 gaben die Notenbanker bekannt, dass die im Herbst 2023 gestartete Vorbereitungsphase erfolgreich abgeschlossen wurde und dass nun die technischen Voraussetzungen für den digitalen Euro gelegt werden sollen.[1] Im Dezember haben sich dann auch die EU-Finanzminister auf das neue Geld geeinigt.[2] Sollte das EU-Parlament 2026 den zugehörigen Rechtsrahmen beschließen, könnte 2027 ein Pilotprojekt mit ersten Transaktionen starten und der digitale Euro 2029 zur Erstausgabe bereitstehen. Zusätzliches gesetzliches Zahlungsmittel

Vorgesehen ist, den digitalen Euro zusätzlich zum Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Dazu könnte die EZB eine elektronische Geldbörse (»Wallet«) bereitstellen, die sich die Nutzer dann auf ihr Smartphone laden. Möglich ist aber auch die Integration in bereits bestehende Angebote der Geschäftsbanken, und für Menschen ohne Computer und Handy könnte es eine Offline-Version in Form von Bezahlkarten geben. Die Kosten des Projekts schätzt die EZB auf 1,3 Milliarden Euro, die jährlichen Betriebskosten sollen bei 320 Millionen Euro liegen. Für den Nutzer soll die Bereitstellung kostenlos erfolgen.

Das grundlegend Neue an dem digitalen Euro ist, dass der Bürger damit künftig auch digital Zugang zu staatlichem Zentralbankgeld hätte. Dieses existiert für ihn bisher nur offline als Bargeld. Der digitale Euro ist damit klar abzugrenzen vom Giralgeld der Geschäftsbanken, das per Kreditvergabe geschaffen wird und zur Abwicklung des täglichen Zahlungsverkehrs dient. Und auch mit Kryptowährungen wie dem Bitcoin hat das neue Geld außer seiner digitalen Form so gut wie nichts gemein. Kryptowährungen werden dezentral erzeugt, versprechen Anonymität sowie ein hohes Maß an Staatsferne. Der digitale Euro ist jedoch genau das Gegenteil davon. Hier behält die Zentralbank die komplette Kontrolle über das Geld.

Einführung seit 2020 geplant

Die EZB arbeitet bereits seit Oktober 2020 an dem Projekt. Auslöser waren der Aufstieg der Kryptowährungen wie auch die Pläne des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg, mit Libra (später Diem) eine Art digitale Weltwährung zu erschaffen. Mit rund zwei Milliarden täglich aktiven Facebook-Nutzern erschien das Potenzial dafür enorm. Das Vorhaben hat Zuckerberg jedoch wieder fallengelassen. Geblieben ist aber die Befürchtung der EZB, eine technologische Entwicklung zu verschlafen und über kurz oder lang die Kontrolle über das Geldsystem zu verlieren. »Das war ein Erweckungsmoment sowohl für die Politik als auch die Zentralbanken. Die Frage war: Was passiert, wenn uns dieses Tool, also das Geld, aus der Hand genommen und von Dritten privatisiert wird?«, sagte der Banker und EZB-Berater Jochen Siegert dazu.[3]

Das Bemerkenswerte an dem digitalen Euro ist jedoch, dass er schon vor seiner Einführung mehr Fragen als Antworten aufwirft. So ist bis heute nicht klar, welche ökonomischen Probleme er überhaupt lösen soll. Die EZB verweist hier gern auf die Erfordernisse einer sich zunehmend digitalisierenden Welt wie auch auf den Trend zum digitalen Bezahlen und dem damit einhergehenden Bedeutungsverlust des Bargelds. »In einer sich rasch digitalisierenden Wirtschaft müssen wir sicherstellen, dass Zentralbankgeld weiterhin seinen Zweck erfüllt«, sagte der für den digitalen Euro zuständige EZB-Direktor Piero Cipollone im Dezember 2025 bei einer Rede in der Frankfurt School of Finance & Management, in der er noch einmal für das neue Geld warb.[4]

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