Sozialabbau

Wider die wahnhafte Kriegsbegeisterung: Wege zu einer neuen Friedenskultur

Warum unsere Gesellschaft den Frieden verlernt hat – Ein Gespräch über kollektive Verdrängung und den Mut zur eigenen Mitte

Hans-Joachim Maaz, in der DDR aufgewachsen, ist als Psychiater, Psychoanalytiker und Psychotherapeut ein profunder Analytiker des psychischen Zustands der Nation. In seinen Büchern – darunter Der Gefühlsstau, Die narzisstische Gesellschaft, Das falsche Leben sowie Angstgesellschaft – untersucht er die Hintergründe gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Die von ihm seit Jahrzehnten beschriebene »psychodynamische Gefahr normopathischer Verhältnisse« bildet den Rahmen seiner streitbaren Kritik an einer Politik, die den Bezug zur persönlichen Würde und zur Wahrheit zu verlieren droht. Bereits vor zwei Jahren sprachen wir mit Hans-Joachim Maaz über sein Buch Friedensfähigkeit und Kriegslust. Angesichts der aktuellen Zuspitzung haben wir ihn erneut zur Lage befragt. Das Gespräch führte ÉVA PÉLI.


HINTERGRUND Herr Dr. Maaz, die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt eine provokante Frage: »Beginnen wir den Sommer zu hassen?« Was einst als unbeschwerte Lieblingsjahreszeit galt, wird heute mit jeder Hitzewelle zum angstbesetzten Phänomen. Es wirkt, als sei unsere Gesellschaft regelrecht darauf programmiert, in jedem Ereignis ein neues Feindbild zu suchen.

HANS-JOACHIM MAAZ Ja, Corona, Klima.

HINTERGRUND Mittlerweile dient selbst das Wetter als Projektionsfläche für Schuldzuweisungen. Wenn wir diese Neigung zur Sündenbocksuche und zur kollektiven Verdrängung ernst nehmen, müssen wir auf eine tiefer liegende Ebene blicken: Wie steht es um unsere historische Verantwortung? »Nie wieder Krieg von deutschem Boden« war einst das fundamentale Versprechen nach dem totalen Zusammenbruch. Wenn wir heute auf die politische Lage schauen, wirkt dieser Schwur wie gelöscht. Vor zwei Jahren sprachen wir über Ihr Buch Friedensfähigkeit und Kriegslust. Sie vermuteten damals, dass diese Lehre nie wirklich verinnerlicht wurde. Wie beurteilen Sie die Situation heute? 

Warum »Nie wieder« zur leeren Phrase wurde

MAAZ Ich sehe das nach wie vor so. »Nie wieder« war vor allem eine leere, schuldgefühlsbetonte Phrase. Deutschland hatte schwere Schuld auf sich geladen; wer nicht direkt im Krieg oder bei der SA oder SS war, war zumeist Mitläufer. Die Losung war letztlich das Bemühen, sich reinzuwaschen. Aber eine entscheidende Frage wurde dabei nie gestellt: Wie kommt es denn überhaupt zum Krieg? Dass Machthaber den Befehl dazu geben, ist leicht verständlich. Aber wieso lassen sich so viele Menschen dafür begeistern? Das war im Nationalsozialismus so und scheint heute allmählich wieder so zu werden. Wenn eine Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung entsteht, hat das tiefere psychische Gründe.

HINTERGRUND Welche seelischen Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sich eine Gesellschaft wieder in kriegerische Konflikte verwickeln lässt? Wir gelten doch gemeinhin eher als friedliebende Wesen.

MAAZ Genau das hätte mit dem »Nie wieder« geklärt werden müssen. Es ist nachgewiesen, dass wir keine geborenen Krieger sind. Mein Kollege Andreas Peglau hat das sehr treffend beschrieben: Wir sind von Natur aus sozial orientierte Menschen, die Gemeinschaft und Verbundenheit brauchen, keine Gegnerschaft. Feindseligkeit ist immer die Folge psychosozialer Einflüsse, vor allem der Erziehung. Es geht im Kern darum, wie ein Mensch als Kind behandelt wird. Hier kommt der Begriff der Selbstentfremdung ins Spiel: Wenn Kinder nicht das Gefühl vermittelt bekommen, »Ich bin willkommen, so wie ich bin, ich bin okay«, fehlt ihnen die gesunde seelische Grundlage. Stattdessen werden sie oft von Anfang an so geformt, wie Eltern, Schule oder die Gesellschaft es erwarten.

Vom Gefühlsstau zum Feindbild

HINTERGRUND Handelt es sich hierbei eigentlich um ein bewusstes elterliches Handeln, oder findet hier ein Prozess statt, der über die individuelle Intention der Eltern hinausgeht? Wie fügt sich der elterliche Wunsch, Kinder »auf das Leben vorzubereiten«, in die gesellschaftlichen Erwartungen ein, ohne dass dies notwendigerweise aus einer böswilligen Absicht geschieht?

MAAZ Die Tragik liegt ja gerade darin, dass Eltern diese Entfremdung, die in der Gesellschaft gefordert wird, oft gar nicht bewusst vollziehen, sondern sich nur nach allgemeinen Normen verhalten. Die Anpassung der Kinder löst Gefühle aus – Empörung, Schmerz –, die dürfen in der Regel nicht gelebt werden. Sie werden unterdrückt und führen zu dem, was ich Gefühlsstau nenne. Im Gefühlsstau stauen sich die Gründe für die eigene Verletzung auf. Da das kleine Kind die überlebensnotwendigen Eltern nicht als Täter erkennen darf, entwickelt es Verhaltensstörungen und sucht sich Ersatzobjekte zur Abreaktion. Es braucht Feinde, jemand muss schuld sein. Später ist das dann der politische Gegner, um sich abzureagieren: die Ungeimpften, die Klimaleugner, die AfD oder eben die Russen. 

HINTERGRUND Und diese aufgestauten individuellen Gefühle werden dann auf der großen politischen Bühne instrumentalisiert?

MAAZ Exakt. Diese Tendenz, den weitverbreiteten Gefühlsstau politisch zu nutzen, ist die eigentliche Kriegsgefahr. Individuell vergiftet er das private Leben – dann wird der Nachbar oder Partner zum Feind. Politisch aber wird das Bedürfnis nach Feindbildern gezielt bedient. Was aktuell gegenüber »den Russen« passiert, halte ich als Psychiater für den wahnhaften, krankhaften Versuch, ein Feindbild aufzubauen, um dem individuellen Gefühlsstau ein kollektives Ziel zu geben. Unsere bisherige Demokratie – die ich kaum noch als solche verstehe – stößt an ihre Grenzen. Jahrzehntelang wirkten allgemeiner Wohlstand und soziale Sicherheit wie eine Droge zur Ablenkung. Aber diese Betäubung funktioniert immer weniger. Gerade Politiker, die mit eigenen narzisstischen Störungen am stärksten im Gefühlsstau stecken, nutzen nun diese Projektionen. Das begann massiv mit der Corona-Krise: Wie feindselig der Staat gegenüber jedem auftrat, der auch nur Zweifel hatte – das wollte ich kaum glauben. Manche Menschen wurden regelrecht zu Verfolgern und Denunzianten. Als Psychiater kenne ich solche Dynamiken aus der Praxis. Aber wenn man das in der politischen Realität erlebt, dann wird das ganze Land zur Psychiatrie.

HINTERGRUND Ich treffe auffallend viele Menschen in Deutschland, die bereits eine Psychotherapie hinter sich haben – das ist bemerkenswert. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht erklären, dass diese verbreitete therapeutische Erfahrung dennoch nicht vor der gesellschaftlichen Spaltung und den Dynamiken schützt, die wir aktuell erleben? 

MAAZ Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Tatsächlich haben sich vielleicht höchstens zwei Prozent der Bevölkerung ernsthaft darum bemüht, sich therapeutisch wirklich tiefgreifend zu verstehen. Das ist verschwindend gering. Zudem kritisiere ich, dass die meisten Therapieformen den Gefühlsstau aus der frühen Entwicklung, also die sogenannten »Frühstörungen«, oft gar nicht erreichen. Sie konzentrieren sich mehr auf die aktuellen Konfliktdynamiken. Die tiefsitzenden Entfremdungen, die in den ersten drei Lebensjahren entstehen, werden in den meisten Therapien nicht ausreichend behandelt.

Die deutsche Spezialität: Ordnung und Gehorsam

HINTERGRUND Sie bezeichnen sowohl die aktuelle Russophobie als auch die gesellschaftliche Dynamik während der Corona-Zeit als »Wahnsinn«. Warum nimmt dieser Konformitätsdruck in Deutschland solche extremen Züge an?

MAAZ Ordnung und Disziplin waren in Deutschland über Jahrhunderte zentrale Werte – einerseits, um das Volk zu disziplinieren, andererseits, um dem Einzelnen einen äußeren Halt zu geben. Die berüchtigte autoritäre Erziehung hat hier über Generationen hinweg tiefe Spuren hinterlassen. Sie erzeugt abhängige Menschen mit einer schwachen Selbstwertidentität, die daher auf eine äußere, strikte Ordnung angewiesen sind. Das psychologische Grundmuster lautet: »Sag mir, was ich tun soll, damit ich akzeptiert werde.« Dieser Mechanismus ist in Deutschland durch die lange Tradition autoritärer Strukturen extrem stark ausgeprägt. Zwar ist das Bedürfnis, sich einer äußeren Führung unterzuordnen, ein häufiger psychologischer Mechanismus, doch in der deutschen Gesellschaft scheint er besonders tief verwurzelt zu sein.

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HINTERGRUND Hat diese Entwicklung auch mit der Industriegesellschaft zu tun? Diese erfordert ja gewissermaßen den entfremdeten Menschen, der in der Fabrik funktioniert und der Maschine oder den Vorgaben des Vorgesetzten […]

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