Gesellschaft

„Nicht gegen mein friedenssüchtiges Herz“

Der Songpoet Tino Eisbrenner im Gespräch mit Éva Péli über das Risiko, sich heute für Frieden einzusetzen, den Wandel der Künstlerschaft und den Mut zur eigenen Haltung.

Éva Péli: Sie stehen regelmäßig mit Gleichgesinnten wie Jens Fischer Rodrian auf der Bühne und setzen sich lautstark für den Frieden ein. Wie reagiert das Publikum auf Ihre klaren Botschaften? Und wie erleben Sie im Kontrast dazu die Reaktion von großen Veranstaltern, Medien und der eigenen Branche?


Tino Eisbrenner: Die Menschen, die zu meinen Konzerten kommen, wissen, wer ich bin und was ich sage und mache. Sie haben sich entschieden, dorthin zu gehen. In den Konzerten gibt es selten Widerstand. Wenn ich zum Thema Russland spreche, sitzt kaum jemand drin, der empört ist. Ich glaube, die Menschen kommen nicht obwohl, sondern weil ich meine Haltung habe.

Interessant ist es natürlich, wenn Konzerte verhindert werden – wenn sich zum Beispiel die Antifa bei Veranstaltern meldet und diese bedroht, damit sie Eisbrenner nicht auftreten lassen. Oder wenn Veranstalter sich vorausschauend selbst zensieren. Manche rufen mich direkt an und sagen: „Wir würden dich gerne einladen, aber wir bekommen Geld vom Senat, deshalb trauen wir uns nicht, dich auf den Veranstaltungsplan zu setzen.“ Dann gibt es natürlich auch welche, die sagen: „Den lasse ich nicht rein.“ Der Fächer ist groß, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, damit umzugehen und meine Position mit schlüssigen Argumenten zu verteidigen.

Oft verstehen die Leute gar nicht, worum es eigentlich gerade geht, weil einer wie ich nur noch mit Schlagworten etikettiert wird oder sich Publizisten sogar darin gefallen, von mir selbst gepostete Fotos zu nehmen und eine Lügengeschichte draus zu machen. Aber ich denke, wer mich nicht von vornherein in den Dreck ziehen will, der fragt auch in solchen Fällen nach, was genau ich sage und tue.

HINTERGRUND: In den 80er-Jahren gab es in Ost und West eine kraftvolle, unüberhörbare Bewegung der Künstler für den Frieden. Heute wirken engagierte Kulturschaffende, die sich aktiv gegen Aufrüstung und Militarisierung positionieren, oft wie Einzelkämpfer in der Nische. Was hat sich in der DNA der Künstlerschaft und im gesellschaftlichen Klima so grundlegend verändert, dass diese gemeinsame Bewegung zerbrochen ist?

Eisbrenner: Der Unterschied zu heute in Ost und West ist: Damals ging keine Gefahr davon aus, sich für den Frieden zu engagieren. Im Gegenteil, man war als Friedenskünstler irgendwie geadelt.

Heute sieht das ganz anders aus. Alles wird stigmatisiert, die Friedensbewegten werden mit Etiketten versehen: „Querdenker“, „gefallene Engel“, „Putin-Versteher“ oder „Antisemiten“. Die Frage steht: Halte ich das aus und sage laut, ich möchte, dass der Völkermord in Gaza aufhört, dass man uns nicht „kriegstüchtig“ macht, gegen wen auch immer, dass man uns Russland nicht zum Feind erklärt? Dass man anfängt, sich dafür zu interessieren, warum das alles stattfindet? Man muss heute mit Repressalien umgehen lernen und sich jeden Tag entscheiden, wozu man etwas sagt. Sogar beim Thema Frieden. Das ist der Unterschied. Aber wie kann ich denn gegen mein friedenssüchtiges Herz entscheiden und schweigen?

HINTERGRUND: Sie bezeichnen sich selbst seit vielen Jahren als Friedensberichterstatter. Was genau beinhaltet diese Rolle für Sie im Jahr 2026? Was kann und muss ein Künstler den Menschen heute über den Frieden berichten, was die klassischen Nachrichten und Lageberichte nicht tun?

Eisbrenner: „Friedensberichterstatter“ ist meine poetische Ableitung vom geläufigen Wort Kriegsberichterstatter. Der „Friedensberichterstatter“ ist mir nah, weil ich weiß: Wer Frieden will, muss Frieden denken. Wenn wir nur darüber nachdenken, wie wir Russland mit kriegerischen Mitteln in die Knie zwingen, werden wir nie einen Frieden mit Russland erreichen – und wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht. Wenn wir aber darüber nachdenken, was uns eigentlich mit Russland verbindet und wo die kulturelle Schönheit Russlands liegt, sieht das anders aus.

Selbst im Kalten Krieg war man in der Lage, Journalisten an den Baikalsee zu schicken. Klaus Bednarz oder Gerd Ruge haben berichtet, wie die Menschen dort leben. Man hat vor dem Fernseher gesessen und festgestellt: Das ist schön dort, und das sind ja auch Menschen wie wir. Wenn sie dann Lieder gesungen haben, haben wir gesagt: „Ach, die russische Seele, toll!“ Und umgekehrt hat uns, genau wie die Sowjets, die US-amerikanische und englische Rockmusik begeistert – trotz der Kriege, die diese Länder führten.

Wenn man das alles weglässt, ist man kein Friedensberichterstatter mehr, sondern geht in die andere Richtung. Ein Kulturschaffender sollte aber von Hause aus immer ein Friedensbotschafter sein. Ein Musiker, dessen Beruf darin besteht, Harmonie zu erzeugen, ist der geborene Friedensbotschafter – und als Harmoniesuchender eben auch ein Friedensberichterstatter.

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HINTERGRUND: Sie betonen die Bedeutung der russischen Kultur als Brücke zum Frieden. Gleichzeitig erleben wir, dass in Russland Künstler, Journalisten und Friedensaktivisten, die sich gegen den Krieg aussprechen, drastisch verfolgt […]

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