Globales

Kein Frieden für Westasien

Eine Region unter aufgezwungenen Kriegen

VON KARIN LEUKEFELD


Ein Blick auf die Landkarte des Nahen und Mittleren Osten – auch Westasien genannt – zeigt eine Region, die zwischen Meeren eingebettet liegt. Im Norden das Kaspische und das Schwarze Meer, im Westen das Mittelmeer, von wo es Richtung Süden durch den Suezkanal ins Rote Meer und von dort durch die Meerenge Bab al Mandab in den Golf von Aden geht. Um die Arabische Halbinsel herum erstreckt sich der Indische Ozean und das Arabische Meer, von wo man Richtung Norden den Golf von Oman erreicht und durch die Meerenge der Straße von Hormus in den Persischen Golf gelangt.

Will man nun einen Weg von Bagdad nach Damaskus und Gaza finden, schickt einen das GPS-Gerät auf Umwege und empfiehlt schließlich, das Flugzeug zu nehmen, weil »aufgrund von Krisen und Kriegen« die Landwege in dieser Region unsicher und Grenzen geschlossen seien. Westliche Außenministerien sprechen eine Reisewarnung aus, Botschaften in den Ländern schließen. Fluglinien stellen den Betrieb ein, weil aufgrund von Strafmaßnahmen gegen ein Land, sogenannte »Sanktionen«, Flüge nicht mehr versichert werden können. Medien schicken keine Korrespondenten mehr in die Region, weil es teuer und gefährlich ist. Also bleiben sie an einem sicheren Ort und reisen nur, wenn es von Botschaften und Redaktionen »grünes Licht« und Interesse gibt. Zum Beispiel, um Minister und Wirtschaftsdelegationen zu begleiten.

Deren Interesse orientiert sich heute weniger an dem, was in anderen Ländern, Gesellschaften, an Schulen und in Familien geschieht, wie die Menschen sich die Zukunft vorstellen, wie man Beziehungen gestalten kann und was die Geschichte der Region ist. Die deutsche Außenpolitik orientiert sich nicht an der UN-Charta, die nach zwei von Deutschland begonnenen Kriegen im 20. Jahrhundert Maßstäbe für gesellschaftliche und politische Kooperation formulierte. Es geht vielmehr darum, ob das bereiste Land »nützlich« für die eigenen, deutschen und EU-Interessen ist, wie es der deutsche Außenminister Johann Wadephul in einem Interview sagte:

»Wenngleich das Völkerrecht immer den Rahmen bildet, ist es nicht der einzige Maßstab, an dem wir unsere Außenpolitik ausrichten dürfen. Es gibt auch andere Aspekte wie Wirtschaftsinteressen oder Bündnissysteme, die wir berücksichtigen müssen. Außenpolitik ist bisweilen der nüchterne Blick auf das, was Deutschland und Europa nützt.«[1]

Die Begegnung mit dem Anderen

Für Korrespondenten kann das kein Maßstab sein. Die nationalen Interessen des Herkunftslandes hat man im Gepäck – auch wenn man die Regierungspolitik nicht teilt. Doch um anderen Kulturen und Menschen zu begegnen, sind Landkarten, Bücher und Berichte von Korrespondenten und Reisenden früherer Jahre bessere Wegweiser als »deutsche und EU-Interessen«, wie sie von Banken, Kapital, in Berlin und Brüssel formuliert werden.

Gertrude Bell reiste als Archäologin und britische Spionin 1905 von Jerusalem über den Jordan, durch die drusischen Berge, die syrische Wüste über Damaskus nach Baalbek, Homs, Hama, Aleppo bis nach Alexandrette. In ihrem Buch Am Ende des Lavastroms beschreibt sie eine Reise durch Syrien und Palästina, als das Gebiet noch zum Osmanischen Reich gehörte und eine »jüdische Heimstatt« nicht zur Diskussion stand. Sie berichtete, was sie sah, hörte und lernte. Ihre Aufzeichnungen entstanden während der wachsenden kolonial-imperialistischen Konfrontation europäischer Staaten, als das britische Imperium vom deutschen Reich mit dem Bau der Berlin-Bagdad-Bahn in der Region herausgefordert wurde, als Öl und Gas auf der Arabischen Halbinsel, im Irak und Iran »gefunden« wurden, der Brennstoff für zukünftige Kriege. Das britische Außenministerium nutzte im Laufe des Ersten Weltkrieges und bei der Aufteilung der Region 1916 mit dem »Sykes-Picot-Abkommen« die Aufzeichnungen von Gertrude Bell und die von ihr zur Verfügung gestellten Kontakte für eigene Zwecke.[2]

Der Journalist Gerald Butt, der für die britische BBC aus Beirut und Jerusalem berichtet hatte und zuletzt in der Republik Zypern lebte, zitiert in seinem Buch Leben am Scheideweg – Eine Geschichte von Gaza eine Vielzahl von Aufzeichnungen seit dem Jahr 1200 vorchristlicher Zeitrechnung, um die Geschichte von Gaza aus vielen Perspektiven zu zeigen. Letztlich ist es nach seiner Meinung die geografische Lage, die Gaza über die Jahrhunderte zu einem Spielball konkurrierender Imperien und Interessen machte. Basierend auf Artikeln von Journalisten und Aufzeichnungen britischer Offiziere aus dem Jahr 1917, beschreibt er die drei Schlachten um Gaza im März, April und Juni 1917. Gaza wurde damals von den osmanischen Truppen und ihren deutschen Militärberatern verteidigt, doch sie wurden schließlich von den vorrückenden Briten vertrieben. Am 9. Dezember jenes Jahres marschierten die britischen Truppen in Jerusalem ein und erfüllten dem britischen Außenminister Lloyd George seinen Wunsch, »Jerusalem als Weihnachtsgeschenk« zu bekommen.[3]

Wichtig ist das Buch von Amin Maalouf über den Heiligen Krieg der Barbaren – Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber.[4]Der Autor hat die Aufzeichnungen von Chronisten aus dem 11./12. Jahrhundert gesammelt, die Massaker der »Franken« beschreiben. Die Kreuzritter sagten, sie müssten Jerusalem von den Ungläubigen (Muslimen) befreien, doch tatsächlich besetzten sie das Land, beuteten die eigentlichen Bewohner aus und errichteten ein »Königreich«. Vieles, was heute in der Region geschieht, erinnert nur zu deutlich an die arroganten Ansprüche der europäischen Invasoren von damals.

Die »King-Crane Kommission«[5] reiste im Auftrag der Pariser Friedenskonferenz im Juni und Juli 1919 durch die Levante, um die Bevölkerung dort zu befragen, welche politische Zukunft sie sich nach dem Fall des Osmanischen Reiches vorstellten. Die Idee ging zurück auf den damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson, wurde aber von Großbritannien und Frankreich abgelehnt. Beide hatten in ihrem geheimen »Sykes-Picot-Abkommen« 1916 die Region bereits unter sich aufgeteilt. Das Ergebnis war spektakulär. Die Kommission erhielt während der sechswöchigen Reise 1.875 Petitionen aus allen Teilen der dortigen Gesellschaft. In einer ersten Zusammenfassung hieß es:

»1. Die Syrer werden kein französisches Mandat akzeptieren. 2. Das zionistische Programm [einer jüdischen Heimstatt, Anm. d. A.] kann nur mit Gewalt durchgesetzt werden. 3. Die arabische nationale Bewegung unter angelsächsischer Schirmherrschaft ist es wert, unterstützt zu werden. 4. Der allgemeine Wille der Bevölkerung ist ein Vereinigtes Syrien.«

Der Bericht wurde in Paris abgelehnt, englische und französische Medien bezeichneten ihn als »antisemitisch«. Nach dem Tod von Woodrow Wilson 1924 verschwand der Bericht. Es dauerte 40 Jahre, bis die Aufzeichnungen der Kommission mit Unterstützung der Familien von Henry Churchill King und Charles R. Crane, den beiden Delegationsleitern, rekonstruiert und von dem Politikprofessor Harry N. Howard 1963 in Beirut neu veröffentlicht wurden.

Die Pariser Friedenskonferenz ignorierte die Ergebnisse der »King-Crane-Kommission« und entschied genau das Gegenteil von dem, was die Bevölkerung wollte. Frankreich wurde Mandatsmacht in Syrien und Libanon. Großbritannien wurde Mandatsmacht des neu gegründeten Irak, Transjordanien und eines Britischen Mandatsgebiets Palästina. Der britischen Mandatsmacht wurde vom Völkerbund aufgetragen, alles zu tun, um die Errichtung einer »jüdischen Heimstatt in Palästina« zu unterstützen und die Zuwanderung von Juden zu fördern.[6]

Achibald Wavell, der als Offizier bei dem Krieg in Gaza und dem Vormarsch auf Jerusalem dabei war, kommentierte: »Nach ihrem ›Krieg, um alle Kriege zu beenden‹ sieht es so aus, dass sie in Paris ganz erfolgreich einen Frieden geschaffen haben, der jeden Frieden beendet.« Das Zitat ist dem Buch mit dem Titel A peace to end all peace von David Fromkin vorangestellt, das 1989 (auf Englisch) erschien.[7]

Die Autorin traf in Nasseriya, einer Stadt im Südirak, die Ehefrau eines irakischen Kaufmanns, der Mitte der 1940er Jahre von Basra nach Jerusalem gekommen war, um Geschäfte zu machen. Sie war damals Lehrerin in einem Mädchenkonvent, und als er ihr einen Antrag machte, folgte sie ihrem Mann nach Nasseriya, wo die große Familie zahlreiche Kriege überlebte. Es war das Jahr 2016, als die Autorin mit einem Kollegen im Irak unterwegs war, um Aufnahmen für einen Film zu machen, der unter dem Titel Der leise Tod im Garten Eden später ausgestrahlt wurde. Es ging um die Folgen der Uranmunition, die von den US-geführten Truppen des »Wüstensturm« (Desert Storm) und der »Allianz der Willigen« in den Kriegen 1991 und 2003 in großem Umfang eingesetzt worden war. Die Familie lud ein, den Weihnachtsabend mit ihnen zu verbringen. Die junge Braut aus Jerusalem von damals war mit über 90 Jahren die Älteste in der Runde.

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Kein Weg nach Gaza Egal, ob man heute von Berlin, Beirut, Damaskus oder Bagdad kommt, nach Gaza führt kein Weg mehr. Der palästinensische Küstenstreifen ist nicht auf dem Landweg, nicht […]

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