1951: Entscheidend für die Wiederaufrüstung in Westdeutschland
In der jungen BRD fielen im Jahr 1951 Entscheidungen, die die Remilitarisierung nachhaltig prägten. Das strategische Ziel: (West-)Deutschland wieder zu einer antisozialistischen Militärmacht von erheblichem militärischem und politischem Gewicht im Verbund des Westens formen.
VON LOTHAR SCHRÖTER
Die Eckdaten bei der Remilitarisierung der BRD vor dem NATO-Beitritt am 9. Mai 1955 und dem Aufstellungsbeginn der der Bundeswehr am 12. November 1955 markierten die Jahre 1950 und 1952. Von bleibendem Erkenntniswert ist aber auch, auf die zwölf Monate dazwischen zu blicken. Warum?
Weil 1951 Entscheidungen fielen, die die Remilitarisierung nachhaltig prägten – bei dem strategischen Ziel, (West-)Deutschland wieder zu einer antisozialistischen Militärmacht von erheblichem militärischem und politischem Gewicht im Verbund des Westens zu formen, die gerade ein halbes Jahrzehnt zurückliegende Kriegsniederlage wenn schon nicht wettzumachen, dann zumindest doch auf weiten Strecken auszubügeln. Und bei alledem: mit einer bis heute Erstaunen erregenden Zielbewusstheit, aber auch Flexibilität und Kompromissbereitschaft der von Flensburg bis zur Zugspitze Herrschenden im Verhältnis besonders zu den Westmächten und in Abhängigkeit von den internationalen Entwicklungen.
Zuerst das Wichtigste zu 1950
Nach verschiedenen vorangegangenen Ausarbeitungen und Studien, für die insbesondere der Name von Generalleutnant a. D. der Wehrmacht Hans Speidel, seit 1948 faktisch geheimer militärischer Berater des späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, steht[1], hatten höchste Militärs der früheren Wehrmacht vom 5. bis 9. Oktober 1950 im Kloster Himmerod die »Denkschrift des militärischen Expertenausschusses über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas« erarbeitet. Sie wurde als Himmeroder oder Eifel-Denkschrift bekannt.[2]
Die Denkschrift – mit den Westalliierten abgesprochen – fasste die bis dahin gereiften grundlegenden militärpolitischen, militärdoktrinären und militärstrategischen Auffassungen sowie die daraus abgeleiteten Vorstellungen über Aufbau, Gliederung, Führung, Bewaffnung, Ausrüstung, Erziehung und Ausbildung künftiger Streitkräfte der BRD zusammen. In den folgenden Jahrzehnten in ihren groben Zügen tatsächlich umgesetzt, wird sie häufig als »Magna Charta« der Bundeswehr bezeichnet.
Das zweite Eckdatum 1950 für die Remilitarisierung in Westdeutschland markierte der 26. Oktober[3]: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Theodor Blank wurde »Der Bevollmächtigte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen«. In dieser allgemein »Amt Blank« genannten Dienstelle wurden die konkreten Vorbereitungen für die Streitkräfte der BRD und für deren Eingliederung in einen Militärblock getroffen. Sie war also das staatliche Organisationszentrum für die entsprechenden politischen, militärischen, personellen, juristischen, rüstungswirtschaftlichen und administrativen Planungen bzw. Maßnahmen der BRD sowie für solche in der Öffentlichkeitsarbeit. Das Amt Blank handelte so faktisch als Verteidigungsministerium.
Im Jahr 1950 fielen in Westdeutschland mithin erstens die weichenstellenden planerischen Vorentscheidungen für die militärische Integration des Landes in einen politisch-militärischen Westblock und die Aufstellung der späteren Bundeswehr, und es wurde zweitens in Gestalt des Amtes Blank das organisierende Zentrum dafür geschaffen.