»Unsere Sache ist gerecht. Der Feind wird besiegt werden. Der Sieg wird unser sein!«
Vor 85 Jahren: Kein Krieg aus heiterem Himmel. Und ein Sieg, der bis heute die Welt zerreißt
VON STEFAN BOLLINGER
Am 22. Juni 1941, einem sonnigen Sommertag, stehen Viertel nach zwölf Sowjetbürger im ganzen Land auf der Straße vor den Lautsprechern oder lauschen ungeduldig in ihre Radioapparate. Was im Landesinnern noch Gerücht war, was in den Westgebieten des Landes durch Bomben und Panzer bereits bittere blutige Realität war, wurde nun staatsoffiziell. Das faschistische Deutschland hatte im Bruch der Nichtangriffs- und Freundschaftsverträge von 1939 angegriffen. Außenminister Wjatscheslaw Molotow musste die Aufgabe übernehmen, die Sowjetbürger zu informieren. Im Archiv liegen die hastig hingeworfenen Zeilen des handschriftlichen Manuskripts mit seinem Ringen um richtige Worte. Sein Chef, Josef Stalin, hatte den Text wenige Minuten zuvor abgenickt. Der sah sich vor den Trümmern seiner Vorkriegsstrategie, die den Krieg aufziehen sah, aber doch bitte erst 1942 oder besser 1943. Er war trotz Drängens seiner Politbürogenossen außerstande, diese Pflicht gegenüber den Bürgern wahrzunehmen, und würde noch einige Tage brauchen, um sich zu fangen und den Aufgaben als politischer und militärischer Führer zu stellen.
Der Zorn des Außenministers war unüberhörbar:
»Dieser beispiellose Angriff auf unser Land ist ein Akt des Verrats, wie er in der Geschichte der zivilisierten Nationen seinesgleichen sucht. Der Angriff auf unser Land erfolgte trotz des zwischen der UdSSR und Deutschland geschlossenen Nichtangriffspakts, dessen Bestimmungen die sowjetische Regierung gewissenhaft erfüllt hatte ... [und] die deutsche Regierung während der gesamten Gültigkeitsdauer dieses Paktes nie eine einzige Beschwerde gegen die UdSSR wegen dessen Einhaltung erheben konnte. Die gesamte Verantwortung für diesen räuberischen Angriff auf die Sowjetunion liegt allein bei den deutschen faschistischen Machthabern.«[1]
Noch glaubte die Führung, diesen »Banditenangriff« rasch zurückschlagen zu können. Noch war sie fest überzeugt, dass
»dieser Krieg [...] uns nicht vom deutschen Volk, nicht von den deutschen Arbeitern, Bauern und Intellektuellen aufgezwungen [wurde], deren Leid wir sehr wohl verstehen, sondern von einer Clique blutrünstiger faschistischer Machthaber in Deutschland, die die Franzosen, Tschechen, Polen, Serben, Norweger, Belgier, Dänen, Niederländer, Griechen und andere Völker versklavt haben.«
Aber die einfachen Deutschen kämpften an der Front und mordeten im okkupierten Sowjetland. Nicht nur die faschistischen Führer und Kapitalisten mussten geschlagen werden, Deutschland musste fallen. Das lernte man, auch mit der bitteren Einsicht, dass das deutsche Volk für Frieden, Demokratie, vielleicht gar für den Sozialismus zu gewinnen sei. Eines blieb von Molotows Rede im Gedächtnis und wurde zum geflügelten Wort: »Unsere Sache ist gerecht! [...] Der Sieg wird unser sein!«
Ein Überraschungsangriff, doch nicht aus heiterem Himmel
Die Bolschewiki hatten 1917 die Frechheit, eine sozialistische Welt ohne Kapitalisten und Großgrundbesitzer zu errichten und die Sowjetunion als Alternative zum Kapitalismus zu inszenieren und als Empfehlung für die Ausgebeuteten und Unterdrückten weltweit. So sehr dieser Versuch im rückständigen Russland auch durch Schematismus, Bürokratie und Gewalt geprägt war, sein Anspruch war hoch und trotz aller Kritik damals wie heute einmalig und mitreißend.
Zudem war jede antikapitalistische, sozialistische Bewegung seit Jahrhunderten den herrschenden Eliten ein Graus. Auch wenn manche heutige Linke es vergessen: Die Alternative Kapitalismus versus Sozialismus hatte immer eine tödliche Dimension. Nicht wenige Linke suchten sich der durch Reformismus, Anpassung zu entziehen – damals wie heute. Dem Kapital mochte dies oft egal sein, wenn es nicht gerade nützliche Idioten brauchte, ihr Hass und ihre Gewalt blieb.
Seit 1917 standen Konfrontation und Krieg auf der Tagesordnung, die kommunistische Bewegung sollte erstickt werden, legal oder auch mit faschistischen Mitteln extralegal, mit Krieg und Erpressung gegen den ersten sich sozialistisch verstehenden Staat der Welt. Die Interventionskriege 1918/1922 waren unvergessen, das beharrliche Kämpfen von Basmatschi in Mittleren Osten der UdSSR, die kriegerischen Konflikte mit den Japanern mit ihrem Höhepunkt 1939 am Chalchin Gol. Moskau und seine Verbündeten in der Kommunistischen Internationale (Komintern) wussten, wenn sich die Sowjetunion nicht wehrt, wird diese Alternative untergehen. Die Bedrohung konnte nur von außen kommen.
Zu Beginn der 1930er Jahre ließ Erich Weinert in diesem Geiste Ernst Busch vom »Heimlichen Aufmarsch« singen:
»Es geht durch die Welt ein Geflüster / Arbeiter, hörst du es nicht? / Das sind die Stimmen der Kriegsminister / [...] Es flüstern die Kohle- und Stahlproduzenten / Es flüstert die chemische Kriegsproduktion / Es flüstert von allen Kontinenten / Mobilmachung gegen die Sowjetunion!«
Wohlgemerkt vor der faschistischen Machtübernahme in Deutschland, aber im Wissen um antisowjetische Hoffnungen und Pläne in London, Paris, Tokio oder Washington. Das spiegelte sich damals in der Politik Moskaus und der Komintern wider, die mit teils linksradikalen Positionen Widerstand organisieren wollte, dabei aber oft mehr Bündnisstrukturen zerschlug, als neue zu finden.
Vor 85 Jahren: Kein Krieg aus heiterem Himmel. Und ein Sieg, der bis heute die Welt zerreißt VON STEFAN BOLLINGER Am 22. Juni 1941, einem sonnigen Sommertag, stehen Viertel nach […]