Globales

In jeder Hinsicht beispiellos – und doch nicht so ganz

Zum 85. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Aus Anlass einer neuen Gesamtdarstellung VON REINHARD LAUTERBACH

Die erste Ausgabe der »Deutschen Wochenschau« nach dem Angriff auf die Sowjetunion kam am 25. Juni 1941 in die Kinos.[1] Die Sendung war merkwürdig aufgebaut: Sie begann nicht mit dem zweifellos wichtigsten Thema, sondern mit lauter Zweit- und Drittrangigem: dem Endspiel der »Zweiten Kriegsfußballmeisterschaft« zwischen Schalke und Rapid Wien, einem Ehrendoktor der Universität Göttingen für den japanischen Botschafter in Berlin, dem Beitritt des Satellitenstaates Kroatien zum Antikominternpakt und ein paar Bildern vom Bombardement englischer Versorgungsschiffe vor der libyschen Küste. Dann erst kam das Thema, das die ganze zweite Hälfte der Sendung einnahm: der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.

Der nach den Kriterien des Nachrichtenjournalismus handwerkliche Fehler war natürlich keiner. Die Propagandisten in der Redaktion wollten beim Publikum den Eindruck erwecken, es gehe eigentlich alles weiter wie bisher. Die Bilder zeigten rollende Panzer, Luftangriffe deutscher Bomber auf sowjetische Flugplätze und erste Kolonnen sowjetischer Kriegsgefangener. Im Rückblick einiger Tage berichteten die »Meldungen aus dem Reich« des SS-Sicherheitsdienstes aufgrund aggregierter Spitzelberichte, die Sendung sei »außerordentlich positiv« aufgenommen worden und die »anfangs bestehende Bedrücktheit« sei unter dem Eindruck der Erfolgsbilder »schlagartig gewichen«.[2] Und die Bilder von der kroatischen Unterschrift hätten ebenfalls ihren Zweck erfüllt: »Man habe das Gefühl, dass sich bei der Auseinandersetzung mit der Sowjet-Union ganz Europa hinter den Führer stellt und die europäische Solidarität zur Wirklichkeit wird.«[3]

Tatsächlich war der Eindruck, den die »Wochenschau« vom 25. Juni wecken wollte, eine großangelegte Täuschung. Der am 22. Juni begonnene Krieg gegen die Sowjetunion war »ein Krieg wie kein anderer«, wie es im Titel der neuesten umfassenden Studie zum Thema heißt. Sie stammt von Jochen Hellbeck, einem in den USA forschenden deutschen Historiker[4], und beruht zentral auf erstmals ausgewerteten Quellen aus Archiven in Russland, der Ukraine und Belarus.

Beispiellos war der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion erstens in der Masse der herangezogenen Truppen und des bereitgestellten Materials: Die Wehrmacht stellte etwa drei Millionen Soldaten, die Verbündeten und Satelliten des Dritten Reiches weitere 700.000, allerdings ohne größeren Kampfwert. Bei allen schweren Waffen, ob Panzer, Flugzeuge oder Geschütze, war die Wehrmacht der Roten Armee um ein Mehrfaches unterlegen.[5]

Das Kräfteverhältnis muss auch der deutschen Seite im Wesentlichen bekannt gewesen sein. Das deutsche Konzept des »Blitzkrieges« beruhte darauf, trotz eigener zahlenmäßiger und materieller Unterlegenheit durch konzentrierte Durchbrüche trotzdem Erfolge zu erzielen. Das hatte in den vorherigen Feldzügen funktioniert. Jetzt aber stieß es an seine Grenzen. Bereits im Frühherbst 1941 waren 200.000 deutsche Soldaten durch Tod oder schwere Verwundung ausgefallen – mehr als in den Feldzügen der zwei vorherigen Jahre. Bis zum Sommer 1942 war die Zahl der deutschen Gefallenen auf 800.000 gestiegen – noch vor der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad, die der Wehrmacht weitere 330.000 Soldaten entzog.

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