Belarus: Ein unbekanntes Land des Friedens
Eine Terra incognita, ein unbekanntes Land, scheint Belarus für viele zu sein. Dabei liegt es mitten in Europa. Eine Gruppe Deutscher hat sich auf den Weg gemacht, um es kennenzulernen. Ein Reisebericht
VON TILO GRÄSER
Wer anderen in Deutschland sagt, dass er nach Belarus fahren will, erntet mindestens Verwunderung. Dafür sorgt nicht nur die weitverbreitete Unkenntnis über das Land. Dazu trägt ebenfalls die massenmediale Einseitigkeit in den Berichten über das Land zwischen Polen und Russland bei. Die laufen alle unter dem Stichwort »Diktatur«. Wer sich in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender über Belarus informieren will, findet dort derzeit nichts anderes. Das führt dann dazu, dass diejenigen, die dennoch hinfahren, besorgt gefragt werden, ob das nicht gefährlich sei.
Das wird auch ganz regierungsoffiziell befeuert. So heißt es beim bundesdeutschen Auswärtigen Amt in der »Reisewarnung« zu Belarus: »Verhaftungen und Verurteilungen können jederzeit, auch aufgrund konstruierter Vorwände, erfolgen. Sie können als politisches Druckmittel dienen; lange Haftstrafen unter harten Bedingungen sind möglich, bei schwerwiegenderen Vorwürfen (darunter ›Sabotage gegen den Staat‹ oder ›Terrorismus‹) auch die Verhängung der Todesstrafe.« So gefährlich soll es in der Diktatur von Langzeit-Präsident Alexander Lukaschenko sein. Und viele in Deutschland glauben das, wenn es doch Regierung und »Leitmedien« behaupten. Das tun diese insbesondere seit 2020. Damals kam es in dem Land zu Protesten, angeblich nur für »Demokratie« und »Freiheit«.
Am 6. Mai dieses Jahres machte sich dennoch eine Gruppe von mehr als 20 Menschen aus Deutschland auf den Weg nach Belarus. Die meisten von ihnen glaubten den offiziellen Erklärungen über das unbekannte Land nicht. Und wenn ansatzweise doch, wollten sie aber selbst sehen, wie es dort ist.[1]
Mit Zwischenstation Warschau auf Hin- und Rückreise blieben sie zehn Tage, mit einem vollen Programm aus Besichtigungen, Begegnungen und Gesprächen. Sie nahmen auch teil an den Feierlichkeiten zum »Tag des Sieges« über den Faschismus am 9. Mai in der Festung Brest, diesem historischen Ort. Es waren hauptsächlich Menschen aus dem Umfeld der DKP, denen wir – meine Kollegin Éva Péli und ich – uns angeschlossen hatten. Mit einigen von ihnen waren wir bereits vor zwei Jahren nach Russland, nach St. Petersburg gefahren.[2] Anlass war damals ebenfalls der 9. Mai.
Friedlich und lebendig
Uns zeigte sich ein Land mitten in Europa, wie es tatsächlich vielen weitgehend unbekannt ist. Es hat seine Besonderheiten und Eigenheiten, aber auch sehr viele Gemeinsamkeiten mit den anderen europäischen Ländern. Und es ist überhaupt nicht gefährlich, erst recht nicht feindlich, auch nicht arm. Die Menschen in Belarus sind freundlich, besonderes gegenüber Gästen. Es ist aufgeräumt und sauber, vielfältig und farbenfroh. Zugleich ist es lebendig und voller schöner Natur.
Und es ist ein Land voller Geschichte, wie wir gesehen haben – einer leidvollen Geschichte. Dessen schlimmste Kapitel die deutschen Faschisten von 1941 bis 1944 zu verantworten haben. Gerade mit der Erinnerung an den deutschen Überfall vor fast genau 85 Jahren und seinen etwa drei Millionen Opfern – ein Drittel der damaligen Bevölkerung der Belorussischen Sowjetrepublik – wünschen sich die Menschen dort vor allem eines: Frieden.
Das haben wir immer wieder in Gesprächen gehört, ob mit Zufallsbekanntschaften wie der Buchhändlerin in Minsk oder mit dem Direktor des Museums der Festung Brest, Alexander Korkotadse, und dessen Mitarbeitern. Auch der stellvertretende Außenminister von Belarus, Igor Sekreta, machte klar: Dieses einfache Ziel ist für die Politik der belarussischen Regierung unter Präsident Lukaschenko ebenso wichtig wie den Menschen, die in diesem Land leben.
Eine Terra incognita, ein unbekanntes Land, scheint Belarus für viele zu sein. Dabei liegt es mitten in Europa. Eine Gruppe Deutscher hat sich auf den Weg gemacht, um es kennenzulernen. […]