»Was uns überraschen sollte, ist, dass es ihnen nicht gelungen ist, Nord Stream früher zu kappen.«
Der norwegische Friedensforscher Ola Tunander spricht im Interview mit MORITZ ENDERS über Nord Stream, die NATO-Osterweiterung und den geopolitischen Kampf um Europas Energieversorgung.
HINTERGRUND Professor Tunander, Sie argumentieren, dass die Ereignisse um Nord Stream nicht isoliert betrachtet werden können. Warum ist Ihrer Meinung nach ein Rückblick in die Geschichte – insbesondere in die 1980er Jahre – entscheidend, um die Gegenwart zu verstehen?
OLA TUNANDER Der US-Energieminister William Richardson sagte 1998: »Es ist sehr wichtig, dass sowohl die Pipeline-Karte als auch die Politik am Ende zusammenpassen.« Er sprach über Zentralasien, aber es hätte auch eine US-Aussage über Pipelines im Allgemeinen sein können. Pipelines verbinden einen Staat mit einem anderen. Sie sind eine Brücke, die eine gegenseitige Abhängigkeit schafft, die den Weg für enge Zusammenarbeit und friedliches Zusammenleben ebnen kann. Ähnlich wie die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl in den 1950er Jahren und später die EU Vertrauen und gegenseitige Abhängigkeit zwischen den ehemaligen Feinden des Zweiten Weltkriegs geschaffen haben, öffnete die sowjetisch-westdeutsche Pipeline in den 1980er Jahren den Weg für eine deutsch-sowjetische Interdependenz.* Sie schuf Vertrauen zwischen den Feinden des Kalten Krieges, ja, sie trug zu seinem Ende um 1990 bei. Ab 1985 eröffnete Michail Gorbatschow Gespräche mit den Deutschen und dann mit den Briten und den USA. Aber es gab eine bedeutende Machtelite in den USA, in Großbritannien und in Teilen Europas, die Russland als Feind behalten wollte. Sie erkannten bereits 1981, dass neue sowjetisch-westdeutsche Pipelines Abhängigkeiten zwischen den Europäern und den Russen schaffen würden, die den US-Einfluss in Europa schwächen würden. Und laut dem damaligen Nationalen Sicherheitsberater Richard Allen und dem damaligen stellvertretenden Sicherheitsberater Tom Reed waren sie tatsächlich bereits 1982 in der Lage, Pipelines zu zerstören. Während Präsident George H. W. Bush und sein Außenminister James Baker Gorbatschow versicherten, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, drängte sein Verteidigungsminister Richard »Dick« Cheney auf eine NATO-Osterweiterung und auf die Kappung von Pipelines. Als Vizepräsident versuchte Cheney dann im Jahr 2006, den Bau der ersten Nord-Stream-Pipeline zu stoppen, und die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte 2014 im deutschen Fernsehen, dass Deutschland seine Energieabhängigkeit ändern und das russische Gas durch US-Gas ersetzen müsse. Die deutsche Abhängigkeit von günstigem russischem Gas war für die Vereinigten Staaten inakzeptabel. Ab 2016 begannen die USA mit der massiven Produktion von Flüssiggas (LNG), um Deutschland in die Lage zu versetzen, das russische Gas durch US-Gas zu ersetzen. Der frühere UN-Botschafter der USA und Nationale Sicherheitsberater Donald Trumps, John Bolton, sagte, Trump habe in der Frage der Nord-Stream-Pipeline eine Entscheidung treffen sollen – habe jedoch nichts getan. »Wir hätten sie während der Trump-Administration kappen sollen«, behauptete Bolton. Die Spitzenleute im Kongress und in der Regierung sagten, dass die Pipeline beseitigt werden müsse. US-Präsident Joseph Biden sagte im Februar 2022, dass es keine Nord-Stream-Pipeline mehr geben werde. Trump verkündete jedoch 2024, er sei derjenige gewesen, »der die Pipeline gestoppt hat«. Biden hingegen habe sie, kaum im Amt, genehmigt, sagte Trump.
US-Präsident Reagan mit seinem CIA-Direktor William Casey, Verteidigungsminister Caspar Weinberger und dem Nationalen Sicherheitsberater Richard Allen, US-Präsident Bush mit Verteidigungsminister Dick Cheney und dem Nationalen Sicherheitsberater Brent Scowcroft sowie US-Präsident George H. W. Bush mit Vizepräsident Cheney und der späteren Außenministerin Condoleezza Rice, einer Schülerin Brent Scowcrofts, waren alle gegen die Pipeline. Schon in den letzten Jahren haben Präsident Biden mit Cheneys Schützling Victoria Nuland und Rice’ Schützling Bolton und Präsident Trump selbst alle versucht, die Pipeline zu stoppen, um gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Europa und Russland zu verhindern. Was uns eher überraschen sollte, ist, dass es ihnen nicht gelungen ist, sie früher zu kappen.
HINTERGRUND Kann der aktuelle Konflikt um Energie in Europa nur verstanden werden, wenn man auf die Endphase des Kalten Krieges zurückblickt?
TUNANDER Der US-Einfluss in Europa hing hauptsächlich von der Wahrnehmung Russlands als Feind ab. Die USA traten in Europa als »Schutzmacht« auf, und dies war der einzige Weg, wie die militärische Überlegenheit der USA in politischen Einfluss umgewandelt werden konnte. Gegenseitiges Vertrauen zwischen Europäern und Russen – nach dem Bau der Pipeline – würde den US-Einfluss verringern. Sie würden ihre geopolitische Sonderstellung verlieren und, obwohl eine wirtschaftliche Großmacht, zu einem ganz normalen Land werden.
Wir hatten in den USA verschiedene Regierungen, aber seit den 1980er Jahren haben wichtige US-Machteliten alle dieselbe allgemeine Strategie verfolgt: Europa von Russland zu entkoppeln. Letztlich geht dieser Versuch der Entkopplung jedoch auf das frühe 20. Jahrhundert zurück, auf die britisch-US-amerikanische Geopolitik eines Halford Mackinder, der 1919 argumentierte, dass es für die Seemächte – Großbritannien und später die USA – notwendig sei, die europäischen Randzonen zu kontrollieren, um das »Herzland« (Russland beziehungsweise später die Sowjetunion) einzudämmen. Russland galt als expansionistisch und war es bis ins 20. Jahrhundert hinein auch. Das bedeutet, dass ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland unter allen Umständen verhindert werden musste. Diese Idee wurde 1998 auch vom ehemaligen US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński aufgegriffen, der argumentierte, dass die westliche Kontrolle über Mitteleuropa und nicht zuletzt die Ukraine von entscheidender Bedeutung sei, um ein russisches Imperium zu verhindern. Historisch gesehen war das Ziel der USA und Großbritanniens, Europa von Russland zu entkoppeln und Deutschland von Russland zu trennen, und mit den deutsch-russischen Pipelines ab den 1980er Jahren war dies nicht mehr möglich.
Der norwegische Friedensforscher Ola Tunander spricht im Interview mit MORITZ ENDERS über Nord Stream, die NATO-Osterweiterung und den geopolitischen Kampf um Europas Energieversorgung. HINTERGRUND Professor Tunander, Sie argumentieren, dass die […]