Die neue „russische Gefahr“
Greift Russland in drei Jahren Westeuropa an, wie derzeit in allen Medien berichtet wird? Oder ist das alles nur Panikmache? In der heutigen aufgeheizten Atmosphäre ist es von eminenter Wichtigkeit, die zahlreichen Bedrohungsszenarien, die uns aktuell präsentiert werden, einmal von einer professionellen Warte aus zu beurteilen.
VON RALPH BOSSHARD
Worauf stützt sich diese Prognose eigentlich, und wie kommen westliche Militärs ausgerechnet auf das Jahr 2029? Bei dieser Jahreszahl handelt es sich um den berechneten Zeitpunkt, an welchem Russland seine personellen und materiellen Verluste aus dem Krieg gegen die Ukraine nach westlicher Auffassung derart weit kompensiert haben wird, dass eine groß angelegte Konfrontation mit der NATO militärisch führbar wäre. Diese Vorhersage krankt allerdings daran, dass ein Waffenstillstand in der Ukraine zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht absehbar ist, weshalb man kaum prognostizieren kann, wie groß die Verluste sein werden, die Russland noch erleiden wird. Und selbst wenn ein Waffenstillstand noch in diesem Jahr erreicht werden kann, so ist nicht sicher, ob Russland eine Regeneration innerhalb von drei Jahren abschließen kann. Das zweite Szenario, wonach Russland trotz eines weiterhin andauernden Konflikts in der Ukraine, in welchem es keine Entscheidung herbeiführen könne, den Konflikt eskalieren und eine zahlenmäßig stärkere Allianz angreifen werde, widerspricht elementarer militärischer Logik. Dieses Szenario entspricht wohl eher dem Wunsch von ukrainischer Seite, die NATO als Ganzes zu einem entlastenden Angriff auf Russland zu motivieren, als einem realistischen Szenario.[1]
Wacklige Grundlagen
Analysen wie beispielsweise das »Joint Threat Assessment« der NATO zeigen angeblich, dass die russische Rüstungsindustrie Kampffahrzeuge, Waffen und Munition weit schneller produziert als Europa.[2] Angesichts des tiefgreifenden Wandels des Kriegsbilds seit dem aserbaidschanischen Angriff auf Bergkarabach 2020, und erst recht durch den aktuellen Krieg in der Ukraine[3], stellt sich die Frage, ob die Aufklärung der NATO die Produktionszahlen der geeigneten Waffensysteme verfolgt und damit die richtigen Industriebetriebe überwacht. Ob Drohnen und autonome Waffensysteme jene aus dem Kalten Krieg verdrängen, ist derzeit Gegenstand von Debatten.
Auch vom personellen Aufwuchs war die Rede: Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, warnte im Juli 2024, dass die russische Armee auf eine Stärke von 1,5 Millionen Mann und damit auf nahezu das Doppelte im Vergleich zu 2021 anwachsen könnte.[4] Damit wäre sie aber personell immer noch kleiner, als es die Streitkräfte der europäischen NATO-Verbündeten gegenwärtig sind.[5]
Die Theorie einer russischen Invasion 2029 scheint daher auf eher wackligen Grundlagen zu stehen. Das gibt auch ein Sachstand-Papier der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags von 2024 unumwunden zu.[6] Dieses Papier versucht durch einen Blick in die Geschichte, aus den Strategien der Vergangenheit Rückschlüsse auf eine aktuelle Bedrohung durch Russland zu ziehen. Angesichts seiner Bedeutung für die Information von Legislative und Bevölkerung verdient es dieselbe kritische Betrachtung wie reißerische Artikel und Videoclips der vergangenen Monate.
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