Ich war Nazi-Diplomat
»Landesverräter« Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz floh 1951 in die DDR
VON MATTHIAS KRAUß
Der Landesverrat in der Publizistik beschäftigt immer mal wieder die Öffentlichkeit. Meist wird als Parallele die Spiegel-Affäre 1962 gewählt. Ein schillernder Fall liegt aber noch weiter zurück. Mit dem Vorwurf Landesverrat war 1951 auch Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz konfrontiert. Sein Delikt: Er war der einzige Nazi-Diplomat, der unter Hitler von der Hakenkreuzfahne ging.
Putlitz floh 1939 über die Niederlande nach Großbritannien. Nach dem Krieg erinnerte er sich seiner Anstellung im Auswärtigen Amt und beantragte dort die Wiedereinstellung bzw. eine Pension. Die abschlägige Antwort hatte es in sich: Erstens habe er ja »freiwillig« seinen Posten verlassen, und das Ganze erfülle im Übrigen den Tatbestand des Landesverrats.
Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz tat in dieser Situation, was ihm zu tun noch übrigblieb. Er setzte sich in die DDR ab und veröffentlichte dort sein Buch Unterwegs nach Deutschland. In der zweiten Auflage hatte der Verlag der Nation, wie das damals mitunter üblich war, Kommentare der lesenden Werktätigen abgedruckt. Eigentlich, so der Tenor der Schreiber, seien sie ja der Ansicht, dass die edlen Herren mal für eine Weile den Mund halten sollten. Doch sei der Publikation und ihrem Autor zuzugestehen, dass hier herausragend wichtige Erkenntnisse zu gewinnen seien.
In der Tat ist dieser Rückblick als stilistische Melange aus Adelsjargon, Diplomatendeutsch und Anpassung an die sprachlichen Besonderheiten der frühen DDR bemerkenswert. Ein Dokument ohne die Last der ritualisierten Aufarbeitung. Authentisch und subjektiv.
Putlitz relativiert darin, dass er der einzige »Abtrünnige« gewesen sei, es gab gewissermaßen derer zwei. Deutschlands Botschafter in den USA, Friedrich von Prittwitz, reichte 1933 seinen Abschied ein, und das als Reaktion auf Hitlers Machtantritt. Von ihm heißt es bei Putlitz: »Er stammte wie ich aus der ehemaligen Garde Kavallerie und hatte sich nicht ohne schweren inneren Kampf vom schwarz-weiß-roten Milieu losgesagt.« Und weiter: »Wäre das gesamte Auswärtige Amt, statt mit feigen Ausflüchten herumzujonglieren, in diesem Augenblick seinem Beispiel gefolgt, dann hätte es dem Regime einen Schlag versetzen können.«
Von sich selbst schreibt Putlitz, er sei »unter Schmerzen« der NSDAP beigetreten und habe mindestens einmal als Diplomat »Körpernähe zu Hitler« gehabt. Im Nachhinein habe er sich gefragt, ob »ich nicht die patriotische Pflicht hätte, mir einen Revolver einzustecken und mein Vaterland durch einen kurzen Schuss aus der Rocktasche von diesem Wahnsinnigen zu befreien. Wir wurden damals nicht durchsucht und die Sache wäre technisch nicht schwer gewesen.« Aber dann: »Die Verantwortung für eine solche Tat konnte ich als einzelner unmöglich übernehmen. Ich habe mir keinen Revolver gekauft.«
Hitler übernahm wohlweislich die aus der Weimarer Republik stammenden Botschafter, waren die doch wichtige Türöffner im zunächst ratlosen Ausland. Mit Widerstand musste er in diesen Kreisen nicht rechnen, wohl aber mit Vorbehalten. Putlitz dazu: »Die Nazis ahnten, dass wir mit ihnen kein ehrliches Spiel trieben […] Die Versuche, das Auswärtige Amt in seiner Gesamtheit gleichzuschalten, erlebten Schiffbruch.“ Kleidung, Grußgebaren, der Jargon »widersprachen völlig unserer Tradition«.
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