Der Energiepreisschock und die »German Inflationsangst«
Mit Beginn des Iran-Kriegs und der faktischen Schließung der Straße von Hormus erlebt die deutsche Wirtschaft bereits zum zweiten Mal binnen weniger Jahre einen massiven Energiepreisschock.
VON THOMAS TRARES
Nach Inflationsraten von über zehn Prozent infolge des Ukraine-Kriegs beginnen die Preise nun abermals zu steigen. Erneut fordern geldpolitische Hardliner, vornehmlich aus dem deutschsprachigen Raum, die Zinsen zu erhöhen. Doch damit könnte die Europäische Zentralbank (EZB) ein und denselben Fehler gleich zweimal begehen, wie Kritiker meinen. Schon 2022 habe die Notenbank den Energiepreisschock mit der falschen Medizin bekämpft und letztlich nur die Wirtschaft abgewürgt. Wiederholt sich die Geschichte nun erneut?
Klar ist jedenfalls, dass die Teuerung zuletzt wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) lag die Inflationsrate in Deutschland im April bei 2,9 und im März bei 2,7 Prozent. Im Februar, also vor Ausbruch des Iran-Kriegs, waren es nur 1,9 Prozent. »Der erneute Anstieg der Energiepreise infolge des Iran-Kriegs hat im zweiten Monat in Folge die Gesamtteuerung verstärkt. Besonders der anhaltende Preisdruck bei Kraftstoffen ist für die Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich spürbar«, erklärte Destatis-Präsidentin Ruth Brand.[1] Damit hat sich die Inflation in den vergangenen beiden Monaten nicht nur stark beschleunigt, vielmehr liegt sie nun auch deutlich über dem Zielwert der EZB von 2 Prozent.
Bild von Graphix Made auf PixabayFalken fordern höhere Zinsen
Das wiederum hat umgehend geldpolitische Falken wie Bundesbank-Präsident Joachim Nagel auf den Plan gerufen. »Ich habe noch einen Rest Hoffnung auf eine weitgehende Entspannung im Nahen Osten. Aber wir können die hohen Energiepreise nicht ausblenden. Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, wenn sich das Inflationsbild nicht grundsätzlich ändert«, sagte Nagel in einem Interview mit dem Handelsblatt. Inflationsraten über 4 Prozent in einzelnen Monaten wollte er auch nicht mehr ausschließen. Außerdem ließ Nagel keinen Zweifel daran aufkommen, dass die EZB gewillt ist, die Inflationsrate mittelfristig nahe 2 Prozent zu halten. »Wir werden unseren Job machen – ohne Wenn und Aber«, sagte er.[2]
Nagels Stimme hat Gewicht. Als Bundesbank-Präsident gehört er auch dem EZB-Rat an, dem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank. Dort stößt Nagels Position auf Zustimmung. »Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig«, sagte kürzlich auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls im EZB-Rat sitzt.[3] Und nicht zuletzt wies auch der österreichische Notenbankchef Martin Kocher darauf hin, dass die stark steigende Inflation die mittelfristigen Inflationserwartungen weiter nach oben verschieben könnte. »Es ist Aufgabe der Zentralbank zu verhindern, dass diese Risiken Wirklichkeit werden. Ein wichtiges Instrument dafür sind Zinserhöhungen«, erklärte er.[4]
Die »German Inflationsangst«
Dass ausgerechnet die deutschsprachigen Mitglieder des EZB-Rats zu den vehementesten Befürwortern einer restriktiven Geldpolitik gehören, überrascht nicht. Denn während in anderen Ländern oft Arbeitslosigkeit, Deflation oder Depression als größte Bedrohungen wahrgenommen werden, hat sich hierzulande das Trauma der Hyperinflation von 1923 tief in die DNA eingebrannt. In der repräsentativen Erhebung »Die Ängste der Deutschen«, die die R+V Versicherung seit 1992 durchführt, belegt die Angst vor Teuerung regelmäßig einen Spitzenplatz.[5] Inwieweit solche Erhebungen davon beeinflusst sind, dass die R+V auch Produkte zum Inflations- und Vermögenschutz in ihrem Portfolio hat, sei einmal dahingestellt.
Nagels Forderung nach höheren Zinsen jedenfalls ist umstritten. Schon nach der Energiepreisexplosion vor drei Jahren wurde der EZB vorgeworfen, mit ihrer restriktiven Politik mehr Schaden als Nutzen zu stiften. Gegen Angebotsschocks kann eine Zentralbank nämlich nicht viel ausrichten. Sie kann Öl und Gas nicht billiger machen, und sie kann auch keine gerissenen Lieferketten kitten. Sie kann nur die Zinsen erhöhen und damit eine überhitzte Konjunktur abkühlen. Doch diese Situation liegt derzeit gar nicht vor. Im Gegenteil. Die deutsche Wirtschaft befindet sich inzwischen im dritten Rezessionsjahr, die Investitionen bleiben aus, energieintensive Betriebe wandern ab oder gehen insolvent, Schlüsselbranchen wie die Autoindustrie befinden sich in der Krise. In solch einem Umfeld würde eine Zinserhöhung nur weiteres Öl ins Feuer gießen.
Höhere Zinsen »in höchstem Maße absurd«
Einer der schärfsten Kritiker der EZB ist der frühere UNCTAD-Chefvolkswirt Heiner Flassbeck. Auf seinem Blog »Relevante Ökonomik« verdammt er die Entscheidungen der Notenbanker regelmäßig in Bausch und Bogen. Die jüngsten Einlassungen des österreichischen Zentralbankpräsidenten Kocher, man müsse früh und energisch eingreifen und die Zinsen erhöhen, bezeichnete Flassbeck als »in höchstem Maße absurd«. Temporäre, von außen kommende Schocks wie steigende Ölpreise, die die Kaufkraft verringern, könne kein Mittel der Welt verhindern. Mit einer Zinserhöhung würde man nur erreichen, dass »die Wirtschaft vollends in die Rezession kartätscht«, erklärte Flassbeck.[6]
Besonders gut lässt sich dies gerade in der Bau- und Immobilienwirtschaft beobachten. Hier hatten die Zinserhöhungen nach dem Ukraine-Krieg den Markt quasi zum Erliegen gebracht. Immobilienkredite verteuerten sich, Investitionen wurden auf Eis gelegt, der Immobilienbestand verlor schlagartig an Wert. Bis heute hat sich die Branche von dem »Schock« nicht erholt. Wie Destatis nun mitteilte, wurden im vergangenen Jahr in Deutschland nur noch 206.600 Wohnungen gebaut, der niedrigste Wert seit 2012. In den Jahren 2021 bis 2023 waren es im Schnitt fast 300.000.[7] Zugleich meldete das Ifo-Institut, dass sich die Stimmung im Wohnungsbau im April massiv verschlechtert hat. Das Geschäftsklima fiel von -19,3 auf -28,4 Punkte, der stärkste Rückgang seit April 2022.[8]
Zinserhöhung noch keine ausgemachte Sache
Im EZB-Rat haben die deutschen Stimmen zwar ein hohes Gewicht, jedoch ist eine erneute Zinserhöhungsrunde angesichts der schwachen Konjunktur noch keine ausgemachte Sache. So erklärte Frankreichs neuer Notenbankchef Emmanuel Moulin kürzlich, die EZB müsse auch die Folgen der Geldpolitik auf die Konjunktur im Blick behalten. Ähnlich äußerte sich auch der finnische Notenbankpräsident Olli Rehn wie auch der griechische Währungshüter Yannis Stournaras. Letzterer sieht die reale Gefahr, dass die Eurozone durch den Iran-Krieg in eine Rezession abrutscht, sollte es nicht bald Frieden im Nahen Osten geben.[9]
THOMAS TRARES ist Diplom-Volkswirt. Er hat an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur »vwd«. Seit 2004 arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.
[1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_161_611.html
[2] https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/bundesbank-chef-nagel-bei-der-inflation-kann-einiges-auf-uns-zukommen/100222123.html
[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-05-08/schnabel-ezb-muss-zinsen-erhohen-wenn-energiepreise-inflation-treiben
[4] https://www.oenb.at/Presse/oenb-blog/2026/2026-05-01-erhoehte-wachsamkeit-in-der-geldpolitik-inflationsrisiko-gestiegen.html
[5] https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen/pressemitteilungen/2025-09-18-studie-aengste-der-deutschen
[6] https://www.relevante-oekonomik.com/2026/05/12/kochers-zweitrundeneffekte-oder-die-unfaehigkeit-miteinander-zu-reden/
[7] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_174_31121.html
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[8] https://www.ifo.de/fakten/2026-05-15/geschaeftsklima-im-wohnungsbau-bricht-ein
[9] https://www.boersen-zeitung.de/konjunktur-politik/konjunktursorgen-der-ezb-ruetteln-an-zinserhoehung-im-juni
