Diagnose ohne Kompass
Eine Rezension des Buches Unverwertbar. Wahnvorstellungen einer zusammenbrechenden Welt von Fabio Vighi
VON ULRICH GAUSMANN
Bild von Antonio Garcia Prats auf PixabayFabio Vighi, 1969 im norditalienischen Reggio nell’Emilia geboren, gehört zu jener Generation von Akademikern, die ihre politische Prägung im Umfeld der italienischen Linken der achtziger Jahre empfingen, ihr theoretisches Handwerk indes an angelsächsischen Universitäten erlernten. Nach dem Studium in Bologna und der Promotion in Reading lehrt er seit 2000 als Professor für Kritische Theorie und Italianistik an der Universität Cardiff, wo er das »Žižek Centre for Ideology Critique« mitleitet. Als akademischer Schüler Slavoj Žižeks bewegt er sich, mag er es selbst auch anders akzentuieren, durchweg im Koordinatensystem von dessen Synthese aus Hegel, Lacan und Marx; seine Arbeiten kreisen um Ideologiekritik, kontinentale Philosophie und theoretische Psychoanalyse.
Breitere Aufmerksamkeit fand er, als er während der COVID-19-Pandemie in seinem Newsletter und im Žižek-nahen Onlinemagazin The Philosophical Salon die These vertrat, die Lockdowns seien, anders als amtlich beteuert, weniger Schutz der Bevölkerung als Rettungsanker für das im Sommer 2019 ins Taumeln geratene Finanzsystem gewesen – ein Befund, für den er den Begriff des »Notstandskapitalismus«[1] prägte, jenes Systems also, das sich nur noch durch permanente Krisen und Ausnahmezustände am Leben hält. Dass Unverwertbar nun im Wiener Promedia Verlag auf Deutsch vorliegt, verdankt sich dieser Popularisierung.
Bücher, die den Zusammenbruch des Kapitalismus diagnostizieren, hatten von jeher Konjunktur; den letzten Großversuch unternahm Ulrike Herrmann, die das Ende des Kapitalismus vorausorakelte, um sodann die Kriegswirtschaft nach britischem Vorbild als Ausweg zu empfehlen.[2] Derlei »Analysen« fallen auf fruchtbaren Boden, da, wer die Augen offen hält, nicht übersieht, dass der Ultrakapitalismus von Krise zu Krise taumelt, die Lohnarbeit ihre gesellschaftliche Integrationskraft einbüßt und die ideologische Ordnung, die das alles zusammenhält, täglich grotesker wird. Dass ein Professor für Kritische Theorie aus Cardiff sich dieses Befundes annimmt und dabei über Hegel, Lacan, André Gorz und Robert Kurz (hier nicht behandelt) zu Karl Marx zurückfindet, verdient zunächst Aufmerksamkeit.
Den Zusammenbruch der westlichen Ordnung erörtert Vighi aus drei Blickwinkeln: dem Verschwinden der Arbeit durch Automatisierung, der Auflösung gemeinsamer sozialer Narrative und der Durchsetzung einer ideologischen Ordnung, die kein Außen mehr duldet. Der Titel ist programmatisch gemeint, insofern die Eliminierung der Arbeitskraft die Arbeit von ihrer kapitalistischen Zweckbestimmung entbindet und der Finanzkapitalismus selbst unverwertbar geworden ist, weil er den Widerspruch seiner maroden Produktionsweise im Innersten trägt.
Dass die Verwertungslogik an strukturelle Grenzen stößt, dass Automatisierung und Digitalisierung die Lohnarbeitsgesellschaft auflösen, ohne eine tragfähige Alternative hervorzubringen, gehört zu den ernsthaften Problemen unserer Zeit – Vighi sieht das. Wer freilich bei ihm nach dem Instrumentarium sucht, mit dem Marx eben jene Bewegung analysierte, stößt auf erhebliche Hindernisse.
Der Kern des Problems liegt in Vighis Verhältnis zur Marx’schen Werttheorie – die im Übrigen in den letzten vierzig Jahren eine glänzende wissenschaftliche Bestätigung gefunden hat.[3] Ohne es im Buch ausdrücklich auszuargumentieren, hat er sich andernorts als Verfechter einer hegelianischen Kritik des Marxismus etabliert, zumal mit seiner eigenwilligen Lesart des Mehrwerts, den er als unberechenbare »Lacan’sche Entität« behandelt. Da aus marxistischer Sicht allein die Arbeit Wert schafft, den sie im Produktionsprozess auf die Ware überträgt, während die Spekulation an den Finanzmärkten keinen neuen Wert erzeugt, sondern vorhandenen umverteilt, verlässt den Boden dieser Analyse, wie der behauptet, das Kapital könne sich spekulativ und ohne Vermittlung durch die Arbeit ebenso reproduzieren wie durch deren unmittelbare Ausbeutung – eine Annahme, deren Konsequenzen fundamental andere sind.
Man kennt dieses Muster aus der Geschichte linker Theorieproduktion: Die Faszination für Lacan und den späten Hegel hat über Jahrzehnte manchen Intellektuellen verleitet, die mühsame Präzisionsarbeit der politischen Ökonomie gegen die schillernden Gesten des philosophischen Idealismus einzutauschen – von Horkheimer, der 1947 in der Dialektik der Aufklärung[4] als kulturphilosophischer Zivilisationskritiker endete, glänzend in der Diagnose, doch um das handlungsfähige gesellschaftliche Subjekt gebracht, über Althussers strukturalistischen Marx-Rückgriff,[5] der das Klassensubjekt ebenso leer ließ und in jenem »klassenkampflosen Marxismus« mündete, den Perry Anderson diagnostizierte,[6] bis zu Foucaults Diskurstheorie,[7] Laclaus vagem »Volkskörper«[8] und Negris Empire[9], das die Fabrikarbeiterschaft zugunsten einer überall und nirgends lokalisierbaren »immateriellen Arbeit« verabschiedete. Vighi, dessen Lacan’scher Mehrwert als »Entität« nur die jüngste Variante dieses Ausweichmanövers ist, setzt diese Linie fort.
André Gorz (1923–2007), auf den Vighi sich wie selbstverständlich beruft, hat 1980 den Abschied vom Proletariat ausgerufen[10] und damit eine Weichenstellung vorgenommen, mit Wirkungen bis in die Gegenwart: Die klassische Industriearbeiterschaft, so sein Argument, sei nicht länger das revolutionäre Subjekt der Geschichte, an dessen Stelle eine Randschicht der Nicht-Arbeit trete, der neue emanzipatorische Energien zuwüchsen. Dass diese These damals, in den Seminardiskussionen zwischen Strukturalisten, »Frankfurtern« und Marxisten, alles andere als unbestritten war, ist heute fast vergessen.
Das Buch erschien im passenden Moment: Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegung fanden darin ihre intellektuelle Legitimation, und die gebildeten Mittelschichten lasen Gorz als Befreiung von der Pflicht, sich mit der organisierten Arbeiterschaft und deren mühsamer institutioneller Realität auseinanderzusetzen – was dem »Nationalen«[11] neuen Auftrieb gab. Was die akademische Rezeption als Fortschritt der Theorie feierte, bedeutete in der Praxis die Schwächung eben jener kollektiven Gegenmacht, die dem Kapital noch am ehesten Paroli zu bieten vermochte. Indem man die Gewerkschaft zur Karikatur eines bürokratischen Apparats zeichnete, ließ sie sich bequem abtun; dass sie gleichwohl Millionen Beschäftigte schützte und ein Stück gelebter Gegenmacht war, interessierte weniger.
Vighi setzt diese Tradition fort, ohne sie kritisch zu befragen, und übernimmt die implizite Botschaft: dass das organisierte Industrieproletariat, seine Institutionen, seine spezifischen Interessen der Vergangenheit angehören. Was es konkret bedeutet, dass Menschen ihre Arbeit verlieren, ihre Renten schwinden, ihre Wohnverhältnisse prekär werden, wer ihnen dabei gegenübersteht und welche Mittel der Gegenwehr ihnen bleiben, verschwimmt – die Diagnose des Zusammenbruchs präzise, der politische Kompass ins Leere zeigend.
Hinzu tritt ein weiteres Problem: Wenn Vighi unter linken Krisenkritikern mit Wendungen wie »diejenigen, die im Kontrollraum sitzen«, »unsere Finanzherren« oder »die Eliten« Anklang findet, so betreibt er eine Soziologie des Bösen, die strukturelle Mechanismen durch Akteurserzählungen ersetzt; von einer »herrschenden Klasse« ist bei ihm so gut wie nie die Rede, stattdessen firmieren »große Akteure« und »Eliten« – Begriffe, die im ökonomischen Kontext eher verwirren als erhellen.
So bleibt die Warnung vor den autoritären Tendenzen eines Notstandskapitalismus, der ohne materielle Ursachenanalyse auskommt, ein apokalyptisches Pamphlet; die Frage, welche gesellschaftlichen Kräfte ihm entgegenwirken könnten, beantwortet Vighi so gut wie gar nicht, und was am Ende bleibt – alternative Gemeinschaften zu gründen, ein gewisses Bewusstsein zu schaffen –, ist wenig angesichts der Dramatik der eigenen Diagnose.
Was Vighi in seinem Epilog als Ausblick anbietet, reicht etwas über die »keimende Gesellschaft« hinaus: Er beruft sich auf Gorz’ dualen Ansatz, die Politik habe »die strategischen Zwischenziele zu bestimmen, die den drängenden Anforderungen der Gegenwart genügen und zugleich die andere, keimende Gesellschaft präfigurieren« (S. 190), die Linke müsse die »Nostalgie traditioneller Arbeiterkämpfe« (S. 189) überwinden und – sein pointiertester Vorschlag – die Populisten »populistisch übertrumpfen« (S. 189); hinzu tritt die Orientierungsformel, man solle handeln, als ob die bestehende Ordnung bereits tot wäre (S. 189f.). Das ist eine Richtungsangabe, doch ohne Akteurstheorie und institutionelle Formen – eine Lücke, die Erik Olin Wrights Programm einer »sozialistischen Ermächtigung«[12] zu füllen vermag. Wright unterscheidet Gesellschaft als Organismus – das integrierte Ganze, das man entweder kontrolliert oder nicht – vom Ökosystem, in dem verschiedene ökonomische Formen nebeneinander bestehen, einander verdrängen oder ergänzen: Die auf das Organismus-Bild setzende Kapitalismuskritik endet in Apokalypse oder Revolution, die Ökosystem-Perspektive hingegen zielt darauf, die sozialistische Komponente des hybriden Wirtschaftssystems zu vergrößern – graduell, kumulativ, durch das Wachstum realer Alternativen.
Was Wright »interstitielle Transformation« nennt – den Aufbau gesellschaftlicher Ermächtigung in den Nischen der kapitalistischen Gesellschaft –, ist strukturell derselbe Gedanke wie Gorz’ »keimende Gesellschaft« und Vighis Als-ob-Strategie, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Wright die Formen benennt: Arbeiterkooperativen nach dem Vorbild Mondragóns, Community Land Trusts, den québecischen Fonds de solidarité, die partizipatorische Haushaltspolitik kommunaler Verwaltungen und mehr – »Realutopien«: Gestaltungen, die emanzipatorische Ideale verkörpern und die praktischen Probleme der Tragfähigkeit ernst nehmen, ein Befund, den Sven Beckert[13] aus historischer Perspektive bestätigt.
Von dieser Lektüre hätte Vighi profitiert; denn während dessen Diagnose – Notstandskapitalismus, Entkopplung von Finanzwirtschaft und realer Produktion, Erschöpfung einer auf Lohnarbeit gegründeten Lebensform – als Beitrag stehen bleibt, füllt Wright eben jenen Ausblick, den die Als-ob-Formel nur andeutet, mit Inhalt und zeigt, wo zu beginnen wäre. An tatsächlich existierenden Beispielen herrscht kein Mangel,[14] und an Ansätzen, sie zu regionalen alternativen Ökonomien zu verbinden, ebenso wenig.[15]
Vighis Buch ist kein unintelligentes Buch; was ihm fehlt, ist die praktische Anwendung der analytischen Befunde, sodass das, was der Verlag als marxistische Kapitalismuskritik bewirbt, genauer besehen eine hegelianisch gefärbte Kulturdiagnose mit marxistischen Versatzstücken ist.
Wer den Kapitalismus ernsthaft analysieren will, findet in der Marx’schen Werttheorie – ob als »neue« oder »traditionelle« Wertkritik – nach wie vor ein geeignetes analytisches Instrument, das die politische Ökonomie zu diesem Zweck hervorgebracht hat. Ihre Stärke entfaltet sie dort vollends, wo sie weitergeführt wird in die realen Lebens- und Arbeitswelten der Menschen, in eine Bewegung von unten, die in den Schlüsselmomenten der Geschichte zum Zünglein an der Waage werden kann.
Ein Buch, das dieses Instrument beiseitelegt und durch Lacan’schen Jargon ersetzt, mag anregend zu lesen sein – Diagnose ohne Kompass bleibt es gleichwohl. Die Geschichte hat ihre Wendungen selten in den Texten genommen, sondern dort, wo viele zugleich begriffen haben, dass sich etwas ändern lässt – und genau darauf käme es auch diesmal an.
ULRICH GAUSMANN ist Gesellschaftswissenschaftler und Autor von gesellschaftskritischen Büchern und Zeitschriftenbeiträgen über die neuen sozialen Bewegungen, die „Realen Utopien“. In Vorträgen und durch seine praktische Arbeit engagiert er sich bei dem Aufbau von Gemeinschaften, die neue soziale Formen suchen und diese etablieren möchten. Er die Initiative zur Gründung der Utopie-Akademie ergriffen, um einen Raum zur Diskussion über diese alternativen Entwicklungen zu schaffen und diese durch Praxis-Werkstätten regional umzusetzen.
Fabio Vighi
Unverwertbar
Wahnvorstellungen einer zusammenbrechenden Welt
Promedia Verlag, Wien 2025
224 Seiten, 24 €
ISBN 978-3-85371-553-6
[1]Fabio Vighi, Notfallkapitalismus, Bergkamen 2024
[2]Ulrike Herrmann, Das Ende des Kapitalismus, Köln 2022; zur Kritik u. a.: Ulrich Gausmann, Wirtschaft und Finanzen neu gedacht, München 2023, S.35–40
[3]Emmanuel Farjoun/Moshè Machover, Laws of Chaos, London 1983; Dave Zachariah, Labour value and equalisation of profit rates, 2006; W. Paul Cockshott/Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner, Köln 2006; Fritz Helmedag, Warenproduktion mittels Arbeit, Marburg 1992; Nils Fröhlich, Die Aktualität der Arbeitswerttheorie, Marburg 2009; grob können vier Gewinnarten unterschieden werden: Arbeitswerttheorie, Preisaufschlag/Mark-Up, Angebot und Nachfrage und Monopolgewinn. Hinter allem aber steckt die Mehrwerttheorie.
[4]Max Horkheimer/Theodor Adorno, Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1947
[5]Louis Althusser, Für Marx, Frankfurt a. M. 1968
[6]Perry Anderson, Über den westlichen Marxismus, Frankfurt a. M. 1978
[7]Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, München 1974
[8]Ernesto Laclau, Politik und Ideologie im Marxismus, Berlin 1981
[9]Antonio Negri/Michael Hardt, Empire, Frankfurt a. M. 2002
[10]André Gorz, Abschied vom Proletariat, Frankfurt a. M. 1980
[11]Sehr früh dieses Problem aufgreifend: Arno Klönne, Zurück zur Nation? Kontroversen zu deutschen Fragen, Köln 1984
[12]Erik Olin Wright, Reale Utopien, Frankfurt a. M. 2017
[13]Sven Beckert, Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution, Hamburg 2025, S. 1022–1057
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Seit Juli 2023 erscheint das Nachrichtenmagazin Hintergrund nach dreijähriger Pause wieder als Print-Ausgabe. Und zwar alle zwei Monate.
[14]Ulrich Gausmann, Wirtschaft und Finanzen neu gedacht. Revolution der Menschlichkeit, München 2023; Ulrich Gausmann/Peter Schmuck, Wem die Welt gehören könnte – Eigentum in der Regionalgesellschaft, Verum Utopia 2026
[15] www.utopie-akademie.de
