Nach den Herbstwahlen
Ein Blick auf die Landtagswahlen 2026: Des einen Freud, des anderen Leid
VON ERHARD CROME
Noch gar nicht lange her, da gabs eine Mehrheit.
Man nannte sie auch »schweigende Mehrheit«!
Und diese Mehrheit war mit allem zufrieden, ohne zu fragen, nahm alles hin.
Der Krieg und auch Protest, den bot nur ein kleiner Rest
Noch weiß keiner, wie es endet. Doch das Blatt hat sich gewendet
Das ist heute überall zu sehn.
Immer mehr sinds, die nicht schweigen, deutlich ihren Ärger zeigen.
Was von oben kommt, ist nicht nur gut.
[...]
Immer mehr sinds, die kapieren, die sich gründlich informieren.
Und auf ihren Rechten dann bestehn.
Immer mehr sinds, die nicht schweigen, deutlich ihren Ärger zeigen.
Und es werden ständig immer mehr.
Immer mehr sinds, die nicht ducken und nicht einfach alles schlucken,
doch die andern setzen sich zur Wehr.
Immer mehr.
Milva, »Immer mehr« (1982)
Immer mehr Menschen haben sich gründlich informiert und haben kapiert, was »von oben« kommt und für sie nicht gut ist. Und sie bestehen auf ihren Rechten. Die Wahlen 2026 sind Geschichte. Sie ließen im September die politischen Konstruktionen des Landes erbeben, Christdemokraten und Sozialdemokraten, die seit 1949 in der BRD und seit 1990 in Deutschland abwechselnd den Bundeskanzler stellen, wurden abgestraft. Die CDU landete in Mecklenburg-Vorpommern bei 4,9 Prozent und flog erstmals seit 1949 aus einem Landtag. Die SPD kam in Berlin auf lächerliche 12,1 Prozent. Für Ernst Reuter stimmten in Westberlin 1950 44,7 Prozent der Wähler, für Willy Brandt 1963 61,9 Prozent.[1]
Patt in Sachsen-Anhalt
Die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt lag bei 77,8 Prozent und damit um 17,5 Prozentpunkte höher als bei der vorigen Wahl 2021.[2] Keine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit 1990 hatte eine so hohe Wahlbeteiligung. Die CDU, die über viele Jahre das Land regierte, wurde massiv abgestraft. Vor allem aber auch im Hinblick auf die unbeliebte Bundespolitik. Sie erhielt noch 17,2 Prozent der abgegebenen Stimmen, der Unterschied zu 2021 sind 19,9 Prozentpunkte. Die Aussage, das CDU-Ergebnis sei halbiert worden, ist bereits ein Euphemismus.
Die AfD bekam 43,8 Prozent der Stimmen, 23 Prozentpunkte mehr; ihr Ergebnis hatte sich mehr als verdoppelt. Die Linkspartei erhielt 8,6 Prozent und verlor 2,4 Prozentpunkte, die SPD 9,3 Prozent (0,9 Prozentpunkte mehr), die Grünen 8,9 (plus 3 Prozentpunkte) und das BSW 5,3 Prozent. Die hohe Wahlbeteiligung kam vor allem der AfD zugute, 157.000 frühere Nichtwähler wählten sie. Darüber hinaus 83.000 frühere CDU-Wähler, 19.000 von der FDP, 11.000 von den Linken, 7.000 von der SPD und 2.000 von den Grünen. Nur an das BSW musste die AfD Stimmen abgeben, 2.000 Wähler.