Was kommt nach der Pax Americana?
Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt
VON PETER GÄRTNER
2022 ist ein Buch von Domenico Losurdo erschienen, das den verheißungsvollen Titel Eine Welt ohne Krieg trägt.[1] Im selben Jahr trat der Ukraine-Konflikt in die Phase des offenen Krieges ein. Inzwischen ist sogar vom dritten Weltkrieg die Rede. Die Verwirklichung des uralten Menschheitstraums vom »ewigen Frieden« scheint heute ferner denn je. Warum endet die Friedensidee trotz der »Verheißungen der Vergangenheit« immer wieder in den »Tragödien der Gegenwart« (Losurdo)? In welcher Richtung soll man nach Antworten suchen? Wie weit muss man in der Geschichte zurückgehen, um sie zu finden? Kommt man angesichts der wachsenden Dringlichkeit einer Konfliktlösung mit einem historisch-philosophischen Ansatz überhaupt weiter? Oder soll man lieber das Buch von Jörn Leonhard zu Rate ziehen, der 2023 ein Buch mit dem Titel Über Kriege und wie man sie beendet[2] verfasst hat? Kommt man so der Forderung nach, nicht den Krieg, sondern den Frieden zu gewinnen, wie es Michael von der Schulenburg[3] und Heribert Prantl[4] formuliert haben? Für jeden, der Antworten auf diese Fragen finden will, bieten die genannten Autoren eine wertvolle Hilfe. Hier soll der Fokus auf jene Faktoren gelegt werden, die zu den aktuellen Kriegen geführt haben, um auf dieser Grundlage Friedenspotenziale ausfindig zu machen, die deren Beendigung ermöglichen.
Imperialer Frieden bedeutet Krieg: Die Pax Americana und ihr Ende
Dem weit verbreiteten Narrativ, dass in Europa vor dem 24. Februar 2022, dem Beginn der militärischen Spezialoperation der russischen Armee in der Ukraine, eine Friedensordnung geherrscht habe, muss aus drei Gründen widersprochen werden. Erstens war der »friedliche Sonderfall« Europa von Anfang an Teil der Pax Americana, der amerikanischen Weltordnung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges errichtet worden war. Bis zu ihrem Verschwinden 1991 war die Sowjetunion das einzige Land, das dem Weltherrschaftsanspruch Washingtons Paroli bieten konnte. In dieser Zeit des Kalten Krieges führten die USA und ihre westlichen Verbündeten zahlreiche Kriege. Das Spektrum reicht von US-Interventionen in Lateinamerika (Guatemala 1954, Kuba 1961, Dominikanische Republik 1965, Zentralamerika in den 1980er Jahren, Panama 1989) und Iran 1953 über die blutigen Kriege der USA in Asien (Korea 1950–1953, Vietnam 1955–1965) bis zu den Kolonialkriegen der Westeuropäer (Indonesien 1945–1949, Indochina 1946–1954, Kenia 1952–1960, Algerien 1954–1962, Kongo 1960–1965 sowie in Angola, Guinea-Bissau und Mosambik 1961–1974). Die Errichtung und Unterstützung des Siedlerkolonialismus Israels, der seit 1948 immer wieder Kriege in Westasien provoziert hat, ist ein weiteres Kapitel der Pax Americana.
Dass damals in Europa Frieden herrschte, war vor allem dem atomaren »Gleichgewicht des Schreckens« zwischen den USA und der Sowjetunion zu danken. Zweitens steigerte sich die militärische Aggressivität des Westens während des »unipolaren Moments« der USA nach 1990 noch weiter und erfasste nun auch Europa, wovon der völkerrechtswidrige NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 zeugt. Die europäische Friedensordnung ist bereits damals – und nicht erst 2022 – zu Bruch gegangen. Drittens wurde das transatlantische Europa mit der Transformation der NATO zur globalen Interventionsstreitmacht in den 1990er Jahren zum aktiven Teilhaber und Nutznießer der unipolaren Weltordnung der USA. Fortan beteiligten sich die Europäer – mit oder ohne UN-Mandat – an den zahlreichen Kriegen und Interventionen, mit denen Washington seinen neuen Status als alleinige globale Supermacht demonstrierte. Nach dem 11. September 2001 begannen die USA ihren 20-jährigen globalen Krieg gegen den Terror, der erst mit dem Abzug aus Afghanistan im August 2021 sein Ende fand. Es folgten Kriege gegen Irak, Libyen, Syrien und andere Länder, die größtenteils bis heute andauern und sich inzwischen zum regionalen Flächenbrand ausgeweitet haben.
Verallgemeinernd lässt sich feststellen, dass imperiale »Friedensordnungen« wie die Pax Americana in allen Phasen ihrer Existenz mit Krieg einhergehen. Dies gilt sowohl für ihre Errichtung als auch während ihrer Expansions- und Konsolidierungsphase. In der Abstiegsphase nimmt die Gefahr großer Kriege sogar noch zu. Dies gilt auch für die Pax Americana, deren Ende 2008 mit dem Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise seinen Anfang nahm.
Kriege beenden – aber wie? Die Frage, wie man Kriege beenden kann, versucht der Historiker Jörn Leonhard mit zehn Thesen zu beantworten. Seine erste und zentrale These lautet: »Die Natur […]