Globales

Kriegswirtschaft und Militärstaat

TEIL 1

Zur Kritik der Politischen Ökonomie der Kriege

VON RUDOLPH BAUER

Die Politische Ökonomie untersucht die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen ökonomischen Produktionsverhältnissen und politischer Macht. Sie analysiert im Anschluss an die »Kritik der politischen Ökonomie« von Karl Marx[1] die krisenhaften Auswirkungen der kapitalistischen Ökonomie, und dass diese aus Sicht des Kapitals – und gegen die Interessen der Bevölkerung – ein staatliches Handeln erforderlich machen, das in letzter Konsequenz Krieg bedeutet.

Das krisenbedingte staatliche Handeln zeigt sich zunächst im Rahmen der Militarisierung der Gesellschaft, ferner im Übergang der Wirtschaft zur Kriegsökonomie sowie in der allmählichen Transformation des Staates zum Polizei- und Militärstaat – von Olaf Scholz zur Zeit seiner Kanzlerschaft als »Zeitenwende« apostrophiert. Kriegswirtschaft und Militärstaat enden im Kriegsgeschehen, das kriegerische Zerstörungen und unmenschliche Konsequenzen zur Folge hat: Tote, Verletzte und Traumatisierte, Vertriebene und Flüchtlinge.

Als strukturelle, systembedingte Kriegsursachen benennt die Kritik der Politischen Ökonomie die realökonomischen und Finanzkrisen der kapitalistischen Profit- und Spekulationswirtschaft. Dieser Beitrag analysiert das Bündel an Ursachen der Kriege aus unterschiedlicher Sicht.

Erstens wird auf das Herrschaftswissen und die propagandapsychologisch konstruierten Feindbild-Narrative Bezug genommen. Sie sind in den Bündnisstaaten der NATO von kriegsideologischer Bedeutung. Zweitens wird auf den Zusammenhang der Kriege mit den Wirtschafts- und Finanzkrisen in Ländern mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen verwiesen. Als das eigentliche Grundproblem des westlichen Wirtschaftssystems werden drittens die Stagnation und der Fall der Profitrate benannt. Die Folge sind viertens Militarisierung und Kriegsvorbereitung sowie fünftens die Hinwendung zu kriegswirtschaftlichen Produktionsverhältnissen.

Als theoretische Erklärung folgen sechstens sowohl die Darstellung der verschiedenen Arten und Erfordernisse der Mehrwertproduktion als Profitquelle als auch Erläuterungen zur Subsumtion von Mensch und Produktion unter das Kapital und seine Verwertungsgesetze. Anschließend werden siebtens beispielhaft die empirischen Entsprechungen der theoretischen Begründung von Kriegen geschildert. Achtens wird darauf aufmerksam gemacht, dass das kriegswirtschaftliche Regime einhergeht mit der militärstaatlichen Verschärfung politischer, polizeilicher, juristischer, digitaler und gesellschaftlicher Repression.

Herrschaftswissen und Feindbild-Narrative

Im Verbund mit den Medien machen sowohl die Regierungen als auch die in den NATO-Ländern vorherrschenden Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Bevölkerung glauben, dass es Kriege deshalb zwangsläufig geben muss, weil es Feinde gibt. Um die Feinde (»Putin«, »Hamas«, »die Mullahs« usw.) abzuschrecken, müssten die Gesellschaften »kriegstüchtig« und die Staaten bzw. das transatlantische Staatenbündnis militärisch hochgerüstet sein. Offensiv angreifen müsse man den Feind dann, wenn davon auszugehen sei, dass Abschreckung nicht genüge und (Kriegs-)Gefahr im Verzug sei.

Kriege erscheinen für diese Art von Politik, Wissenschaft und Medien wie ein Wettkampf-Spiel, bei dem die eine Seite – »die Guten« – zu Recht gewinnt und die andere – »die Bösen« – zu Recht verliert. Das »Böse« ist immer der Feind. Um Kriege als vernünftig, notwendig und unvermeidbar zu begründen, werden im Sinn des Gut/Böse-Dualismus Feindbilder geschaffen, die von den Regierungen und den Medien mit sowohl moralischen als auch psycho-pathetischen und legalistischen Kategorien ausgestattet sind. Auch weitere Ideologie-Anstalten wie die Kirchen und selbst die Gewerkschaften beteiligen sich an der Feindbild-Propaganda.

Die Kategorien der Feindbild-Narrative werden durch die Einseitigkeit der herrschaftswissenschaftlichen Disziplinen untermauert und der Bevölkerung eingetrichtert – nicht zuletzt auch mithilfe der Justiz, des Erziehungs- und Bildungswesens (Kindergärten, Schulen und Hochschulen), der Forschung, der Interessenverbände und Standesorganisationen, der kulturellen Institutionen und vieler NGOs, von Stiftungen und Think Tanks. Feindbild-Propaganda, Militarisierung und Kriege erscheinen als »Die Neue Normalität«[2].

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TEIL 1

Zur Kritik der Politischen Ökonomie der Kriege

VON RUDOLPH BAUER

Die Politische Ökonomie untersucht die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen ökonomischen Produktionsverhältnissen und politischer Macht. Sie analysiert im Anschluss an die »Kritik der politischen Ökonomie« von Karl Marx[1] die krisenhaften Auswirkungen der kapitalistischen Ökonomie, und dass diese aus Sicht des Kapitals – und gegen die Interessen der Bevölkerung – ein staatliches Handeln erforderlich machen, das in letzter Konsequenz Krieg bedeutet.

Das krisenbedingte staatliche Handeln zeigt sich zunächst im Rahmen der Militarisierung der Gesellschaft, ferner im Übergang der Wirtschaft zur Kriegsökonomie sowie in der allmählichen Transformation des Staates zum Polizei- und Militärstaat – von Olaf Scholz zur Zeit seiner Kanzlerschaft als »Zeitenwende« apostrophiert. Kriegswirtschaft und Militärstaat enden im Kriegsgeschehen, das kriegerische Zerstörungen und unmenschliche Konsequenzen zur Folge hat: Tote, Verletzte und Traumatisierte, Vertriebene und Flüchtlinge.

Als strukturelle, systembedingte Kriegsursachen benennt die Kritik der Politischen Ökonomie die realökonomischen und Finanzkrisen der kapitalistischen Profit- und Spekulationswirtschaft. Dieser Beitrag analysiert das Bündel an Ursachen der Kriege aus unterschiedlicher Sicht.

Erstens wird auf das Herrschaftswissen und die propagandapsychologisch konstruierten Feindbild-Narrative Bezug genommen. Sie sind in den Bündnisstaaten der NATO von kriegsideologischer Bedeutung. Zweitens wird auf den Zusammenhang der Kriege mit den Wirtschafts- und Finanzkrisen in Ländern mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen verwiesen. Als das eigentliche Grundproblem des westlichen Wirtschaftssystems werden drittens die Stagnation und der Fall der Profitrate benannt. Die Folge sind viertens Militarisierung und Kriegsvorbereitung sowie fünftens die Hinwendung zu kriegswirtschaftlichen Produktionsverhältnissen.

Als theoretische Erklärung folgen sechstens sowohl die Darstellung der verschiedenen Arten und Erfordernisse der Mehrwertproduktion als Profitquelle als auch Erläuterungen zur Subsumtion von Mensch und Produktion unter das Kapital und seine Verwertungsgesetze. Anschließend werden siebtens beispielhaft die empirischen Entsprechungen der theoretischen Begründung von Kriegen geschildert. Achtens wird darauf aufmerksam gemacht, dass das kriegswirtschaftliche Regime einhergeht mit der militärstaatlichen Verschärfung politischer, polizeilicher, juristischer, digitaler und gesellschaftlicher Repression.

Herrschaftswissen und Feindbild-Narrative

Im Verbund mit den Medien machen sowohl die Regierungen als auch die in den NATO-Ländern vorherrschenden Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Bevölkerung glauben, dass es Kriege deshalb zwangsläufig geben muss, weil es Feinde gibt. Um die Feinde (»Putin«, »Hamas«, »die Mullahs« usw.) abzuschrecken, müssten die Gesellschaften »kriegstüchtig« und die Staaten bzw. das transatlantische Staatenbündnis militärisch hochgerüstet sein. Offensiv angreifen müsse man den Feind dann, wenn davon auszugehen sei, dass Abschreckung nicht genüge und (Kriegs-)Gefahr im Verzug sei.

Kriege erscheinen für diese Art von Politik, Wissenschaft und Medien wie ein Wettkampf-Spiel, bei dem die eine Seite – »die Guten« – zu Recht gewinnt und die andere – »die Bösen« – zu Recht verliert. Das »Böse« ist immer der Feind. Um Kriege als vernünftig, notwendig und unvermeidbar zu begründen, werden im Sinn des Gut/Böse-Dualismus Feindbilder geschaffen, die von den Regierungen und den Medien mit sowohl moralischen als auch psycho-pathetischen und legalistischen Kategorien ausgestattet sind. Auch weitere Ideologie-Anstalten wie die Kirchen und selbst die Gewerkschaften beteiligen sich an der Feindbild-Propaganda.

Die Kategorien der Feindbild-Narrative werden durch die Einseitigkeit der herrschaftswissenschaftlichen Disziplinen untermauert und der Bevölkerung eingetrichtert – nicht zuletzt auch mithilfe der Justiz, des Erziehungs- und Bildungswesens (Kindergärten, Schulen und Hochschulen), der Forschung, der Interessenverbände und Standesorganisationen, der kulturellen Institutionen und vieler NGOs, von Stiftungen und Think Tanks. Feindbild-Propaganda, Militarisierung und Kriege erscheinen als »Die Neue Normalität«[2].

Wirtschafts- und Finanzkrisen im Kapitalismus

Die Kritik der Politischen Ökonomie der Kriege argumentiert anders. Sie stellt fest, dass die Häufung und Verschärfung von wirtschaftlichen und Finanzkrisen zu politischen Verhältnissen führen, in denen es – im Interesse des Kapitals – zum Kriegsfall kommt. Wirtschaftliche Krisen zeigen sich an der Oberfläche des ökonomischen Geschehens in Gestalt von Insolvenzen, Werkschließungen und Arbeitslosigkeit, ferner unter anderem durch inflationäre Geldentwertung, durch steigende Mieten usw. sowie nicht zuletzt anhand des Grades staatlicher Verschuldung.

Fabio Vighi, der an der britischen Universität Cardiff Kritische Theorie lehrt, weist darauf hin, dass »die Verschuldungsspirale […] nicht nur das Problem einer einzelnen Volkswirtschaft [ist]. Es ist ein globales Phänomen, es zieht die ganze Welt in Mitleidenschaft. Die komplette Weltwirtschaft hängt davon ab, dass sie billig an Kredite kommt, um ihre Schulden zu tilgen. Und das ist im Übrigen die eigentliche Kraft, die uns in den Krieg treibt.«[3]

Cinzia Della Porta, die dem Vorstand der italienischen Gewerkschaft Unione Sindicale di Base angehört, hat in einem Interview mit german-foreign-policy.com erläutert, Krieg sei »die einzige Art und Weise, wie das kapitalistische System in einer schweren Krise weiterbestehen kann«.[4] Ökonomische Krisen sind sowohl ein typisches Zeichen als auch eine notwendige Folge der Krise der kapitalistischen Profitwirtschaft. Sie gehen den eigentlichen Kriegshandlungen voraus. Das kann historisch belegt werden.

Im Ersten Weltkrieg etwa hatte die Nachfrage nach Kriegsgütern einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. Die Kriegsökonomie eröffnete laut der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Andrea Komlosy »aufgrund der militärischen Sachzwänge die Gelegenheit, Management- und Kontrollregime einzuführen, die auch in Friedenszeiten anwendbar waren«[5]. »Für die USA leitete der Kriegseintritt, ohne selbst durch Kriegshandlungen in Mitleidenschaft gezogen zu werden, den Aufstieg zur weltwirtschaftlichen Führungsmacht ein.«[6]

Nach dem Ersten Weltkrieg bewirkte der Wiederaufbau in den 1920er Jahren ein kurzfristiges Wachstum. Der Zusammenbruch der New Yorker Börse führte 1929 zum Ausbruch der bis 1931 andauernden Weltwirtschaftskrise. Die Antwort darauf »war erneut Aufrüstung, gefolgt vom Zweiten Weltkrieg«.[7] »Eine Erholung der Wirtschaft zeichnete sich erst mit der Rüstungskonjunktur im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs ab.«[8]

Mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg stellte der Politikwissenschaftler Eike Hennig fest, dass sich »die faschistische Aufrüstung und Kriegsvorbereitung ökonomisch als staatsinterventionistischer Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise und politisch wie sozialpsychologisch als Überspielung innenpolitischer Konflikte durch außenpolitische Krisen [begreifen lassen]«.[9] Auch der Wirtschaftswissenschaftler und Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel (1973), so die Feststellung Hennigs, habe »den Faschismus und die faschistische Rüstungskonjunktur als notwendiges Ergebnis einer spezifisch krisenhaften und historischen Situation des deutschen Kapitalismus [ausgewiesen]«.[10]

Der Marburger Politikwissenschaftler Reinhard Kühnl kam im Rahmen seiner Forschungen gleichfalls zu dem Ergebnis, dass im Faschismus »die Überwindung der Krise auf dem Wege einer gewaltigen Steigerung der Rüstungsausgaben gesucht wurde und nicht auf irgendeinem anderen«.[11] Ebenso vertritt der Soziologe Manfred Clemenz die

»These, dass in Deutschland die ökonomischen Komponenten der Entstehung des Faschismus in der Akkumulierung ökonomischen Krisenpotenzials durch Kriegswirtschaft, Inflation, Expropriation des Mittelstandes, Reparationsleistungen, Rationalisierungsbewegung, Weltwirtschaftskrise und Verengung der imperialistischen Expansionsmöglichkeiten zu suchen sind«.[12]

Für die Zeit unmittelbar nach 1945 spricht der Politik-Analyst Michael Hollister vom »gleiche[n] Muster«:

»Europas Städte, Infrastruktur und Industrie waren weitgehend zerstört. Genau diese Zerstörung ermöglichte das ›Wirtschaftswunder‹ – jahrzehntelanges Wachstum durch Wiederaufbau. Neue Fabriken, neue Wohnungen, neue Infrastruktur. Der Marshallplan finanzierte die Rekonstruktion, die Nachfrage war unbegrenzt, die Arbeitskraft verfügbar.«[13]

Vergleichbare Entwicklungsverläufe lassen sich auch nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 ff. erkennen: Der Zweite Golfkrieg 1990/91 diente dem militärischen Zugriff auf die Ölreserven Kuwaits. Die neokolonialistischen Kriege der USA und Israels waren und sind wirtschafts- und geopolitisch motiviert. Ebenso waren es die Jugoslawienkriege 1991 bis 2001 und die Kriege in der Zeit danach bis in die Gegenwart. Dazu bemerkt Komlosy:

»Auch die Kriege gegen den Irak (2003) und gegen die Taliban (2001–2021) in Afghanistan und Pakistan sowie die militärischen Interventionen in die Bürgerkriege in Libyen, im Tschad und in Syrien, in die die USA ihre Bündnispartner hineingezogen haben, können aufgrund der die Nachfrage belebenden Wirkung der Kriegswirtschaft als Faktoren des Hinauszögerns eines großen Krachs interpretiert werden.«[14]

»Die Weltwirtschaft war durch die Maßnahmen, die im Anschluss an die globale Finanzkrise 2008 in Angriff genommen wurden, nicht stabilisiert, sondern in andauernde Turbulenzen versetzt worden. Die Rettung der Großbanken durch Staatsgelder sowie die hohe in- und ausländische Nachfrage nach US-Staatsanleihen durch Banken und Investmentfonds im Gefolge der Finanzkrise blähte den Finanzsektor auf Kosten der Realwirtschaft zu einer gewaltigen Blase auf.«[15]

Das eigentliche Grundproblem

Ausgehend von einem strukturtheoretischen Erklärungsansatz lassen sich Militarisierung und Kriege nur begreifen – und entsprechend auch bekämpfen! – als notwendige Begleiterscheinungen und systemkonforme Überwindungsmechanismen der Krisen der kapitalistischen Ökonomie, sowohl in der Real- als auch in der Finanzwirtschaft.[16]

»Das eigentliche Grundproblem« beschreibt der Politik-Analyst Michael Hollister wie folgt:

»Das westliche Wirtschaftssystem basiert auf permanentem Wachstum. Ohne Expansion kollabiert es – Schulden, Rentenversprechen, Sozialsysteme lassen sich ohne Wachstum nicht halten. Die gesamte Architektur des Systems – Kreditvergabe, Kapitalmärkte, Staatsfinanzen – ist auf kontinuierliche Expansion ausgelegt. Doch dieses Wachstum stößt an fundamentale Grenzen: Ressourcen sind endlich, Märkte gesättigt, demografische Entwicklungen ungünstig. Wenn klassische Wachstumsmotoren versagen – Produktivitätssteigerung, technologische Innovation, Markterschließung –, bleibt dem System nur eine historisch erprobte Lösung: die große Zerstörung, gefolgt vom großen Wiederaufbau.«[17]

Ähnlich urteilt Fabio Vighi, wenn er feststellt: »Rüstungsausgaben sollen Wachstum ermöglichen und aus der Stagnation helfen.« Sie seien eine Art militärisches Konjunkturprogramm zur Belebung der Wirtschaft.[18]

Mit anderen Worten: Schwere Wirtschaftskrisen sind in Ländern mit kapitalistischer Produktionsweise das Ergebnis von Überkapazitäten und Überproduktion (»Überakkumulationskrisen«[19]) beziehungsweise – damit einhergehend – von Unterkonsumtion. Ökonomische Krisen entspringen dem Scheitern der Profitlogik des Kapitals, dessen Handeln vom Ziel maximaler Mehrwertsteigerung angetrieben ist. Wie der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Wolfram Elsner ausführte, »produzierte der ›Neoliberalismus‹, nach einer gewissen ökonomischen Euphoriephase, vorrangig einen beschleunigten systematischen Niedergang der Realökonomie und einen langfristigen Verfall der Profitraten«[20].

Die Stagnation beziehungsweise der Fall der Profitrate[21] stellen das eigentliche Grundproblem der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung dar. So ist zu erklären, dass die Unternehmer »auf Kosten der Realinvestitionen riesige Geldkapitale bilden und eher andere Firmen aufkaufen, als die Gewinne zum Ausbau bestehender Unternehmen zu verwenden, wobei sie […] lediglich an den Marktanteilen der aufgekauften Unternehmen interessiert sind«[22].

Eine weitere systemkonforme Lösungsmöglichkeit innerhalb der Grenzen des kapitalistischen Systems ist »die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts«[23]. Wenn auch diese an ihre Grenzen stößt, bleiben als kapitalistische Auswege nur noch die militärische Rüstung, die Militarisierung im Inneren, sowie nach außen neokolonialistische Raubzüge und kriegerische Zerstörungen samt nachfolgendem Wiederaufbau.

Militarisierung und Kriegsvorbereitung

Wenn die maximale Mehrwertsteigerung stagniert, gerät die kapitalistische Wirtschaft in die Krise. Die Profite tendieren dahin, nicht mehr zu wachsen, sondern tendenziell zu schrumpfen. Die marxistische Theorie spricht vom tendenziellen Fall der Profitrate. Die systemkonformen Kommentare vermeiden solche Diagnosen. Sie sprechen lieber von »abgeschwächter Konjunktur«, beschuldigen »den Feind«, beschwören eine »Pandemie« oder versprechen den »Kampf gegen die Armut«.

Das Kapital findet in der Profitkrise zunächst einen Ausweg durch die Flucht in das finanzkapitalistische Casino, um dort Spekulationsgewinne abzuschöpfen. Dadurch werden die Krisen im Bereich der realwirtschaftlichen Produktion jedoch nur auf das Feld der Zirkulation verlagert, nicht aber gelöst. Bekanntlich mehrten sich auch in den Jahren 2008 und 2009 Finanz-, Immobilien- und Bankenkrisen.

Auch in der Folgezeit bewirkten laut Fabio Vighi die immer stärkere Automatisierung und die abnehmende Profitrate in der realen Wirtschaft die Flucht des Kapitals in den Finanz-, Investitions- und Immobiliensektor. Dort entstanden aufgrund riesiger Spekulationsblasen jedoch erneut krisenhafte Phänomene.[24]

Zeitgleich wurde die Corona-»Pandemie« ausgerufen: »In den Monaten vor Covid stand die Weltwirtschaft am Rande eines weiteren gigantischen Zusammenbruchs.«[25] Vighi beschreibt die finanzwirtschaftliche Dramatik in der Zeit von Juni bis September 2019.[26] Er charakterisiert die mit dem Virus begründeten politischen Unterdrückungsmaßnahmen zutreffend als Krieg nach Innen.

Vorübergehend erhöhte das innenpolitische Corona-Panik- und Repressions-Regime – wohlgemerkt: mit militärischer Unterstützung[27] – mittels drakonischer Maßnahmen die Gewinnchancen eines Teils der Wirtschaft. Es profitierten vor allem der Medizinisch-Digital-Industrielle Komplex, insbesondere die Pharmaindustrie (»Big Pharma«) und die Digitalökonomie[28] (»Big Data«). Zusätzliche Gewinne wurden erzielt im Anzeigengeschäft der Medien, im Transportwesen sowie bei den mittel- und kleingewerblichen Betreibern von Impfzentren, ferner bei den Herstellern von Test- und Spritzenmaterial, von Schutzanzügen und -masken usw.

Die antidemokratischen, totalitär inszenierten Corona-Interventionen konnten die wirtschaftliche Krise jedoch nicht beheben. Dazu beigetragen hat ein erheblicher Widerstand bei einer Minderheit in der Bevölkerung und bei einzelnen Vertretern von Berufsgruppen wie den Ärzten[29], Anwälten, Künstlern und Soldaten. Der maßnahmenkritische Widerstand zeigte sich in der Öffentlichkeit als polizeistaatlich reglementierte und mancherorts niedergeknüppelte Protestbewegung auf Straßen und Plätzen sowie in Gestalt neuer alternativer Medien.

RUDOLPH BAUER ist emeritierter Professor der Wohlfahrtspolitik und für Soziale Dienstleistungen. Als wissenschaftlicher Autor hat er im pad-Verlag, Bergkamen, folgende Veröffentlichungen publiziert: Vernunft in Quarantäne (2021), The Great Reset: Der große Rückfall (2021) und Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus (4 Hefte, 2024-2025). Im selben Verlag erschienen ein Lyrikband (Von Covid-19 zu Putin-22, 2023) und sechs Bände mit politischen Bildmontagen (1023-2025). Wegen seiner Corona-kritischen und Antikriegs-Bildmontagen wurde Bauer in Stuttgart und in Bremen angeklagt, in Bremen verbunden mit einer Hausdurchsuchung und Handy-Beschlagnahme am 10. August 2023.

[1] Siehe Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster bis Dritter Band, Leipzig: Dietz Verlag 196512 (= MEW 23), Berlin 1963 (MEW 24), Berlin 1964 (MEW 25)

[2] Siehe Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel, Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy, Die Neue Normalität, Wien: Promedia Verlag 2024

[3] Fabio Vighi, »Der Wahnsinn, den wir für Vernunft halten«, in: https://navigator.gmx.net/mail?sid=a37c3a3bc706453f13a00c87bab5bf232d35c4ce0a5de359f8f933c665f72be8d7e5498c0c4d15dfb53e7400fc4e03ca, 19.02.2026

[4] https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10292, 06.02.2026

[5] Andrea Komlosy, Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft, Wien: Promedia 2022: 26

[6] Ebenda, S. 25

[7] Michael Hollister, »Aufrüstung im Niedergang. Warum Deutschland und die EU in den Krieg investieren«, in: Globalbridge, 04.03.2026. Erstveröffentlicht bei: https://overton-magazin.de/hintergrund/wirtschaft/aufruestung-im-niedergang-warum-deutschland-und-die-eu-in-den-krieg-investieren/, 04.03.2026

[8] Komlosy 2022 (Anm. 5), S. 27

[9] Eike Hennig, »Industrie, Aufrüstung und Kriegsvorbereitung im deutschen Faschismus (1933–1939). Anmerkungen zum Stand ›der‹ neueren Faschismusdiskussion«, in: H. G. Backhaus u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 83

[10] Ebenda, S. 90

[11] Reinhard Kühnl, Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus – Faschismus, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971, S. 124

[12] Manfred Clemenz, Gesellschaftliche Ursprünge des Faschismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972, S. 192

[13] Hollister 2026 (Anm. 7)

[14] Komlosy 2022 (Anm. 5), S. 36

[15] Ebenda, S. 111

[16] Andere Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Kriege sind handlungstheoretisch begründet und beschränken sich v. a. auf soziologische, politikwissenschaftliche, individual- und sozialpsychologische Erklärungsansätze. Ohne die politisch-ökonomischen Zusammenhänge in Rechnung zu stellen, bleiben diese Analyse-Versuche dem Trugbild der Freund/Feind-Dichotomie verhaftet. Die Schimäre des Feindbild-Narrativs ist jedoch irreführend und wirkt kriegsertüchtigend.

[17] Hollister 2026 (Anm. 7)

[18] Vgl. Vighi 2026 (Anm. 3)

[19] Siehe Klaus Peter Kisker, »Strukturelle Überakkumulation und Krise der Erwerbsarbeit«; in: Z, Nr. 31, 1997, http://www.wiwiss.fu-berlin.de/institute/wirtschaftspolitik-geschichte/kisker/texte/StrukUeAkk.pdf

[20] Wolfram Elsner, Die Menschheit in der Falle einer »unmöglichen« Profitrate. Oder: »Neoliberaler« Finanzkapitalismus vs. Demokratie und weitere menschliche Entwicklung, Bergkamen: pad-Verlag 2013, S. 10 (Hervorhebung im Original)

[21] Siehe Klaus Müller, »Schranke für die Entwicklung der Produktivkräfte«; in: junge Welt, Nr. 294, 18.12.2019, S. 7

[22] Klaus Peter Kisker, »Plädoyer für eine gesellschaftliche Profitorientierung«; in: Utopie kreativ, Heft 198, April 2007, S. 336

[23] Karl-Heinz Roth/Eckard Kanzow, Unwissen als Ohnmacht. Zum Wechselverhältnis von Kapital und Wissenschaft, Berlin: Edition Voltaire 1971, S. 9

[24] Siehe Fabio Vighi, Notfallkapitalismus. Texte zur politischen Ökonomie des in Agonie befindlichen »senilen Kapitalismus«, Bergkamen 2024

[25] Fabio Vighi, »A Self-Fulfilling Prophecy. Systematic Collaps and Pandemic Simulation«, in: https://thephilosophicalsalon.com/a-self-fulfilling-prophecy-systematic-collaps-and-pandemic-simulation, 18.09.2021

[26] Siehe Rudolph Bauer, The Great Reset – der große Rückfall. Hygienegemeinschaft, Softtotalitarismus und Überwachungskapitalismus, Bergkamen 2021, S. 21

[27] Die Karriere von Carsten Breuer (Jahrgang 1964) lässt erkennen, dass die drakonischen Corona-Maßnahmen ein wichtiger, von der alten Friedensbewegung nicht wahrgenommener Teil der gesellschaftlichen Militarisierung gewesen sind. Der General des Heeres wurde im März 2020 zum Verantwortlichen für die »Amtshilfe der Bundeswehr« bei der COVID-19-»Pandemie« berufen. Im November 2021 wurde er Leiter des Krisenstabs im Bundeskanzleramt zur Koordinierung der staatlichen Corona-»Bekämpfung«. Seit März 2023 ist er Generalinspekteur der Bundeswehr, d. h. »ranghöchster Soldat«, truppendienstlicher Vorgesetzter aller Angehörigen der Streitkräfte, ihr höchster militärischer Repräsentant und militärischer Berater des Kriegsministers Pistorius. Dieser ließ Mitte Februar 2026 verlautbaren, Breuer werde als Kandidat für den Posten des Vorsitzenden des Militärausschusses der NATO vorgeschlagen.

[28] Siehe Sabine Pfeiffer, Digitalisierung als Distributivkraft. Über das Neue am digitalen Kapitalismus, Bielefeld: transcript 2021

[29] Siehe Gerburg Weiß, Nach bestem Wissen und Gewissen. Ärzte in den Fängen der Corona-Justiz, Rheinbreitbach: Sound of Truth Publishing 2026

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