Das Ende der Empathie: Warum wir das Handwerk des Friedens verlernt haben
Die Generation der Kriegskinder ist aus den Parlamenten verschwunden – und mit ihr das tiefe Verständnis für das Leid, das militärische Konflikte verursachen. Im Gespräch mit ÉVA PÉLI wirbt der Krisengebiets-Experte und Berater Christoph Polajner für strategische Vernunft, die Wiederentdeckung der europäischen Identität und einen gemeinsamen europäischen Raum.
HINTERGRUND Die Menschheit verfügt über jahrtausendealte Erfahrungen mit Kriegen und Krisen. Warum passiert das immer wieder – trotz all des Leids, des Elends und der Zerstörung? Warum herrscht heute, besonders in Deutschland und Europa, der Eindruck vor, dass Probleme erneut militärisch gelöst werden sollen, während die Diplomatie scheinbar gar keine Rolle mehr spielt?
CHRISTOPH POLAJNER Das ist ein entscheidender Punkt. Allein im letzten Jahrhundert erlitt Europa zwei verheerende Weltkriege, die kein Land unversehrt ließen. Der Kontinent fiel in seiner Bedeutung weit zurück; selbst die Siegermächte wie Frankreich und Großbritannien verloren mit ihrer Rolle als Weltmächte auch ihre Substanz. Mit der Zerstörung von Altstädten, Museen und Bibliotheken wurde zudem ein unwiederbringlicher Teil unseres kulturellen Erbes und unserer Identität ausgelöscht.
Das eigentliche Problem heute: Die Kriegserfahrung verblasst im kollektiven Gedächtnis. In der Nachkriegsära war das Leid noch unmittelbar präsent. Die damaligen Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung und Medien hatten das Grauen selbst durchlebt – als Soldaten oder im Widerstand. Denken wir an Charles de Gaulle, der beides verkörperte, an John F. Kennedy, der den Untergang seines Bootes im Pazifik überlebte, oder an Nikita Chruschtschow, der die Schlachten von Stalingrad und Kursk als Frontkommissar miterlebte. Auch Helmut Schmidt kämpfte an beiden Fronten. Selbst wer wie Konrad Adenauer oder Helmut Kohl nicht direkt an der Waffe diente, kannte die Realität der deutschen Trümmerstädte und hatte das unermessliche Leid der Belagerung von Leningrad (heute Sankt Petersburg) vor Augen, das die politische Atmosphäre dieser Jahre prägte. Heute fehlt diese erdende Erfahrung des Schreckens in den Machtzentren fast völlig.
HINTERGRUND Hat dieses persönliche Erleben die politische Strategie damals direkter beeinflusst als heute?
POLAJNER Absolut. Diese Erfahrungen mündeten in einer völlig anderen Grundhaltung: Wer den Zweiten oder gar beide Weltkriege miterlebt hatte, war oft tief geprägt, wenn nicht traumatisiert. Krisen wie die Berlin-Blockade oder die Kuba-Krise wurden deshalb nicht als abstrakte Machtspiele, sondern als unmittelbare, existenzielle Bedrohung wahrgenommen.
Das geteilte Kriegserlebnis schuf paradoxerweise eine gemeinsame Basis über Systemgrenzen hinweg. Die Gespräche waren schwierig, aber – und das ist der entscheidende Unterschied zu heute – sie wurden geführt. Kennedy und Chruschtschow wussten um die wahre Natur des Krieges; dieses Wissen war der Schlüssel zur Deeskalation der Kuba-Krise. Auch Meilensteine wie die Harmel-Doktrin der NATO oder der Doppelbeschluss von 1979 entsprangen diesem Geist: Sicherheit existiert nur im Zusammenspiel von Abschreckung und Dialog.
Heute ist dieses Bewusstsein weitgehend erodiert. In Denkfabriken, Parlamenten und Redaktionen dominieren Generationen, die den Krieg nur noch aus der Theorie kennen. Ich habe das oft nach meiner Rückkehr aus Krisengebieten erlebt: In Diskussionen wird erschreckend leichtfertig über militärische Optionen debattiert. Für viele sind Konflikte zu einer Abstraktion geworden – ein medialer Konsum, der eher an Videospiele oder die Übertragung eines Fußballspiels erinnert, bei dem man für ein Team »mitfiebert«. Was verloren gegangen ist, ist das Gespür für das reale menschliche Leid und die Einsicht, dass Fehlentscheidungen auch unser eigenes Land wieder in ein Schlachtfeld verwandeln könnten.
HINTERGRUND Können Sie ein Beispiel für diese »Leichtfertigkeit« nennen, die Ihnen begegnet ist?